Neues Stück am DT in Göttingen: Lebensträume und ihr Verrat

Hier prallen Lebensentwürfe aufeinander: Bardo Böhlefeld (Jane, von links), Elisabeth Hoppe (Terese), Rahel Weiss (Agnes), Benjamin Krüger (Jörg) und Florian Eppinger (Risto). Foto: Pauly

Der frühere Intendant Mark Zurmühle inszeniert Dea Lohers „Fremdes Haus"

Göttingen. Es sind die abgestoßenen Kunstledersandalen, die das ganze Drama zeigen. Risto Mihaijlov (Florian Eppinger) war einst ein Partisan im Widerstand gegen das Tito-Regime in Jugoslawien. Er ist geflohen und hat sich in Deutschland niedergelassen. Aus dem Helden von damals ist ein Zigarettenschmuggler geworden, der seinen kleinen Schwarzhandel pflegt und vom alten Mythos ebenso zehrt wie von den ungezählten Kippen, deren Nikotin er gierig aussaugt.

Man richtet sich ein in diesem kleinen Leben mit dem schmuddeligen Blouson, dem weit aufgeknöpften Musterhemd und den schäbigen Latschen. Bis plötzlich der junge Jane Sokolov (Bardo Böhlefeld) auf der Bildfläche erscheint, Neffe von Ristos altem Weggefährten Goce, und bei ihm unterschlüpfen will. Jane will nicht zur Armee, er hat Angst vor einem heraufziehenden Krieg im zerfallenden Jugoslawien der 90er-Jahre. Und er ist auf der Suche nach Idealen, an die er heute glauben kann, will seine Wertvorstellungen mit denen Ristos abgleichen wie bei einer Blaupause.

Dea Loher zeigt in ihrem Theaterstück „Fremdes Haus“, wie Janes Erscheinen nun alles aufbrechen lässt, das Verdrängte, die Verstrickungen, um die herum Risto und seine Familie sich eingerichtet haben. Am Ende gibt es Desillusionierung, Trauer, zwei Tote.

Der frühere Intendant Mark Zurmühle inszeniert das Drama am Deutschen Theater in Göttingen auf einer von Eleonore Bircher gestalteten schräg abfallenden Fläche mit einem abgenutzt wirkenden Bodenbelag. Im Hintergrund ein viereckiger Korpus ohne Türen, der hoch- und runter- gefahren werden kann –- das fremde Haus. Bei der nicht ausverkauften Premiere am Samstag gab es begeisterten Applaus.

Die Strenge des Bühnenraums und eine Stilisierung der Bewegungen und Dialoganordnungen der Darsteller passen gut zum Stil des Stücks, betonen seinen parabelhaften Charakter. Mit wenig Handlung und vielen Monologen werden die Einzelschicksale sichtbar und zugleich ins Exemplarische gerückt. Ristos Frau Terese (Elisabeth Hoppe), die sich aus materieller Not prostituieren muss, worüber Risto den Respekt vor ihr verliert. Tochter Agnes (richtig toll: Rahel Weiss), die sich, nach einem Autounfall schwer verletzt, mit dem deutschen Unfallfahrer Jörg (Benjamin Krüger als Pragmatiker) nüchtern in eine Nutzehe hineinarrangiert. Dazu kommt in einer Minirolle Melina Borcherding als Barfrau Nelli. Die Kostüme von Ilka Kops setzen Akzente zwischen abgeschabten Nadelstreifen und Kittelschürze.

Janes schwülstiger Epilog mit pathossatten Freiheitsfantasien um einen blutverkrusteten Falken, der für den Flug übers Meer die Muskeln kräftigt, passt dann zum nüchternen Charakter des Abends gar nicht – und hätte (wie einige andere Passagen auch) massiv gekürzt werden können.

Florian Eppinger gibt Risto eine großartige Mischung aus Abgehalftertsein und Grandezza, Elisabeth Hoppe macht eindringlich deutlich, wie leer Terese innerlich ist. Bardo Böhlefeld zeigt als Jane das Schwanken zwischen hochfliegenden Träumen und der Ratlosigkeit einer ganzen Generation. Besteht das Leben nicht aus Deals, aus Geschäftchen, mit denen man seine Träume verrät, zugunsten von etwas Bequemlichkeit?

Wieder am 30.6., 10., 16.7., Kartentelefon: 0551-496911, www.dt-goettingen.de

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