Von Philipp Rosendahl inszeniertes Stück feierte Premiere

Theater mit großen Menschheitsfragen und einer Utopie-Suppe

Ratlos in 70er-Jahre-Nyltest-Klamotten: (von links) Artur Spannagel, Lukas Umlauft, Rahel Weiss, Uwe Steinbruch und Enrique Keil. 
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Ratlos in 70er-Jahre-Nyltest-Klamotten: (von links) Artur Spannagel, Lukas Umlauft, Rahel Weiss, Uwe Steinbruch und Enrique Keil. 

Kassel. Das von Philipp Rosendahl inszenierte Theaterstück „dass alles zum besten steht, hätten sie sagen müssen“ feierte am Freitag Premiere. Eine Kritik.  

Mittendrin gehen alle Zuschauer kurz raus: Man darf zum Beispiel zusehen, wie Rahel Weiss Utopie-Suppe im Foyer kocht. Zutaten: Ein Schuss Wahnsinn, etwas Potenz, aber auch ganz viel Liebe, Vertrauen, Verstand und Hoffnung. Schnell wird geschnippelt und gerührt. Alle dürfen kosten. Gar nicht schlecht, vielleicht ein Tick zu scharf. Nebenan kann man ein „Selfie des Herzens“ schießen oder im „Utopiefahrstuhl“ rauf- und runterfahren.

Farce, Komödie Groteske, Burleske, Agitprop, Aktionstheater, Schauspiel, Drama, Komödie, Sprechtheater? Ja, alles! Nein nichts! Das von Philipp Rosendahl inszenierte Stück „dass alles zum besten steht, hätten sie sagen müssen“ nennt sich „Stückentwicklung“. Was soll das sein? Sicher etwas Unfertiges, etwas, das im Entstehen begriffen ist. Verhandelt werden die großen Menschheitsfragen, mit weniger gibt man sich nicht zufrieden. Man will nicht bescheiden sein 50 Jahre nach 1968, als alles infrage gestellt wurde, man zu neuen Ufern aufbrach und doch irgendwie an den Realitäten des real existierenden Kapitalismus oder Sozialismus scheiterte oder sich wohlig darin einrichtete – je nachdem. Woher kommen wir, wohin gehen wir und worin liegt der Sinn des Lebens?

Sphärenklänge, Techno-Sounds, Stroboskopgeflacker. Im Bühnenraum steht eine Art Kapsel mit abgeschrägten Wänden, seltsamen Griffen und eingelassenen Klapptüren. Das Ding erinnert an Stanley Kubricks Raumschiff aus „2001: Odyssee im Weltraum“. Oder ist das ein Käfig? Oder ein Unterseeboot, eine Raum-Zeit-Kapsel, eine interstellare Disco oder einfach nur die Kulisse in einem Theater namens Tif? Dahinter eine Art Wohnzimmer, das nur durch Videoübertragung auf einer Leinwand zu sehen ist.

Und wer sind überhaupt die Personen? Eva-Maria Keller, Rahel Weiss, Enrique Keil, Artur Spannagel Uwe Steinbruch und Lukas Umlauft, alle sehr apart in 70er-Jahre-Nyltest-Klamotten gewandet (Bühne und Kostüme: Katharina Faltner). Sind sie Rollen spielende Schauspieler oder „reale“ Figuren? „Wir haben uns abgeschafft. Das Theater braucht uns nicht mehr“, heißt es. Und trotzdem ist das alles Theater, sehr lustiges und manchmal ergreifendes. Wie die Widersprüche auflösen? Und wer sind „Wir“ überhaupt. Ja, auch wir, die Zuschauer.

Moderne, Postmoderne, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Utopien, Träume. Da kann einem schwindlig werden. Verwirrung in den Hirnen zu stiften, ist das Ziel dieser Stückentwicklung, deren dichte Textfläche Fragen aufwirft und sich allen Antworten verweigert. Es gibt ja keine Antworten. Man geht nach Hause und das Hirn ist leer oder übervoll – je nachdem!

Wieder am 31.5., 15. und 22.6., Karten: 0561 / 1094-222.

Von Andreas Gebhardt

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