Die Ausstellung „Moderne Zeiten“ in der Neuen Nationalgalerie prunkt mit den Beständen

Neugeburt einer Sammlung

Max-Reinhardt-Lithografie (1919) von Oskar Kokoschka.

Berlin. In keinem anderen Museum der Republik gibt es so reiche Bestände Klassischer Moderne wie in der Neuen Nationalgalerie Berlin: Beckmann, Grosz, Dix, Kirchner, Feininger, Nolde, Magritte, Picasso und viele mehr. Dies, obwohl 1937 durch die Ausstellung „Entartete Kunst“ und den nationalsozialistischen Bildersturm kaum eine Sammlung so viele Bilder verlor - 500 Werke, verstreut in alle Welt, verschollen, verbrannt.

Dieser „Schmerz der Lücke“, den etwa der mythen-umrankte „Turm der blauen Pferde“ von Franz Marc verkörpert - 1937 beschlagnahmt, riss ihn sich Hermann Göring unter den Nagel, bevor sich seine Spur verlor -, zieht sich nun auch durch die Neuanordnung der Sammlung, die seit Jahren nicht so eindrucksvoll präsentiert wurde. Die Geschichte im Nacken, wandert der Besucher durch 18 gelungene Räume.

Innerhalb der aktuellen Präsentation, welche die Zeit von 1900 bis 1945 spiegelt, erinnern einzelne Schwarz-Weiß-Fotos in Originalgröße an ausgewählte Gemälde, die einst der Nationalgalerie gehörten. Ernst Ludwig Kirchners „Rosa Straße mit Auto“ (von 1913) hängt heute im Museum of Modern Art in New York, Klees „Goldfisch“ in der Hamburger Kunsthalle, ein kapitaler Beckmann in der Münchner Pinakothek der Moderne. Nur weniges kehrte zurück.

Doch natürlich will die Ausstellung nicht lamentieren, muss sie auch gar nicht, denn die Hauptsache sind die verbliebenen Pretiosen (250 von 2500). Die können sich auch so sehen lassen. Kirchners „Potsdamer Platz“ (1914) beispielsweise oder der „Dreiklang“ des Bildhauers Rudolf Belling, dem erstmals und sehr verdient ein eigener Raum (wie sonst nur Beckmann und Kirchner) mit zehn höchst unterschiedlichen Plastiken gewidmet ist.

Überhaupt erschöpft sich die Neuanordnung nicht in der Variation des Bekannten. Erfreulicherweise kann man Entdeckungen machen. Oskar Nerlingers „Stadtbahn von Berlin“ (1929) und Ansicht des Funkturms etwa mit Robert Delaunays „Eiffelturm“ vergleichen, die Antipoden Karl Hofer und Ernst Wilhelm Nay mit ihren Gemälden aus den 30er-Jahren bestaunen oder über Heinrich Vogelers didaktische Einlassungen den Kopf schütteln.

Direktor Udo Kittelmanns Satz von der „Neugeburt einer Sammlung“, die ein viel bedeutenderes Ereignis sei als jede Wechselausstellung, trifft für diese in Anlehnung an Charlie Chaplin „Moderne Zeiten“ benannte Schau ins Schwarze. Sie soll im Herbst 2011 durch einen Blick auf die Nachkriegsbestände abgelöst werden. Generaldirektor Michael Eissenhauer hofft im Anschluss auf Ausbau und Sanierung des 1968 eröffneten Hauses.

Dies wäre Voraussetzung, dass das Sammlerehepaar Ulla und Heiner Pietzsch der Nationalgalerie seine Bilder des Surrealismus schenkt. Noch ist dieser (neben dem Blauen Reiter) unterrepräsentiert. Dafür halten Brücke-Expressionisten, Kubisten, Konstruktivisten, Neusachliche, Dadaisten und Bauhäusler Hof. Franz Radziwill setzt einen grandiosen Schlusspunkt mit dem Gemälde: „Wohin in dieser Welt?“ Wohin sich das Kulturforum mit der Nationalgalerie entwickelt, wird die Zukunft zeigen.

Bis Herbst 2011, Potsdamer Straße 50, Tel. 030/266424510, www.neue-nationalgalerie.de

Von Andrea Hilgenstock

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