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Premiere in Kassel: Wagners "Tristan und Isolde" als abgründiges Drama

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Von: Werner Fritsch

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Der Welt entrückt: Michael Weinius als Tristan und Ann Petersen als Isolde. © Fotomontage: Nils Klinger

Kassel. Eine Neuinszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" hatte am Samstag im Opernhaus Premiere. Eine Regie, die den Kern der Handlung freilegt, machen das Stück zu einem intensiven Erlebnis.

Je genauer der Blick auf dieses Liebespaar fällt, je genauer man hinhört, desto abgründiger und rätselhafter wird Richard Wagners berühmtestes Musikdrama: „Tristan und Isolde“. Im Kasseler Opernhaus hatte am Samstag eine Neuinszenierung Premiere, die sehr genau, fast schonungslos hineinleuchtet in diese Handlung, geprägt von Rache, unstillbarer Liebessehnsucht und gleichzeitigem Verlangen nach Auslöschung und Tod. Und die vom erstklassigen Sängerensemble mit solcher stimmlicher Schönheit, Dramatik und Ausdruckskraft auf die Bühne gebracht wird, wie man sie an einem mittelgroßen Opernhaus selten erlebt. 

Tristan und isolde: Andreas Bauer (König Marke)
Andreas Bauer als König Marke © Klinger

In eine archaische, urweltliche Szenerie rückt Regisseur Stephan Müller die Geschichte dieser unmöglichen Liebe, abstrakt und konkret zugleich. Nur als Andeutung gestaltet Bühnenbildner Michael Simon ein Schiff mit Brücke im ersten Aufzug. Die riesige Projektion eines liegenden toten Mannes im Hintergrund deutet an, was es auf der Fahrt zwischen Isolde und Tristan zu verhandeln gibt: Er war es, der Isoldes Verlobten, Morold, im Kampf tötete. Sie war es, die den verwundeten Fremden gesundpflegte, statt Morold zu rächen.

Wie Ann Petersen als gedemütigte Isolde und Michael Weinius als versteinerter Tristan ihre Konfrontation, vermittelt durch ihre Vertrauten Brangäne (Ulrike Schneider) und Kurwenal (Hansung Yoo), ausagieren, ist als musikalischer Wechseldialog ein Glanzstück. Der Liebestrank, den sich beide statt des erwarteten Todestanks einflößen, verliertso alles Magische – er legt lediglich ihre zuvor verdrängten Sehnsüchte frei.

In Müllers Regie wird die Spannung zwischen Isolde und Brangäne akzentiert, die im zweiten Aufzug vergeblich vor dem Verrat von Isoldes Liebesnacht mit Tristan warnt. Isolde, hier im Glitzerkleid (Kostüme: Carla Caminati), feiert ihren Gefühlsüberschwang wie ein Teenie. Eine seltsame Urwelt tut sich derweil auf, dicke Felsbrocken hängen an Seilen von der Decke und werden während der nächtlichen Begegnung der Liebenden zu einem kosmischen Hintergrund aus Himmelskörpern.

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Ulrike Schneider als Brangäne © Klinger

Doch diese Begegnung ist alles andere als ein romantisches Date. Es sind intensive Momente, wenn Tristan und Isolde in rührender Unbeholfenheit gezeigt werden, während sie in unendlichen Gesangslinien einen philosphischen Liebesdiskurs führen, der im Sehnen nach Weltabschied und gemeinsamen Tod gipfelt. Selten wird das Verstörende dieser Wagner’schen Fantasie so deutlich. Da ist es zu verschmerzen, dass im letzten Aufzug – er spielt erhöht in einem Guckkasten – beim finalen Showdown etwas plump gemeuchelt wird.

Bewundernswert, mit welcher Leidenschaft und Stimmkraft Michael Weinius Tristans quälende Fantasien auch noch im aberwitzigen Schlussakt zu gestalten in der Lage ist. Und eine eindrucksvollere Isolde als Ann Petersen mit ihrer stimmlichen Kraft, Differenzierungsfähigkeit und Höhensicherheit ist schwer vorstellbar. Auf absolutem Top-Niveau ist auch die Bassgewalt und herrlich klare Diktion Andreas Bauers anzusiedeln, dessen große König-Marke-Szene den zweiten Aufzug krönte.

Kaum weniger stark als die prominenten Gastsänger agierten an der Spitze des feinen Kasseler Ensembles Ulrike Schneider als Brangäne und Hansung Yoo als Kurwenal. Dass auch das Staatsorchester beim jubelnden Schlussbeifall besonders gefeiert wurde, lag an einer tollen Leistung unter dem souveränen Gastdirigenten Constantin Trinks. Sein überlegen disponierter, farbenreicher Orchesterklang brachte Wagners suggestive Musik zum Leuchten – bei allerdings teilweise (zu) sehr zurückgenommenen Tempi.

Die weiteren Aufführungen: 2., 9.,17. und 23.6. Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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