Nicht alles war gaga: Ein Rückblick auf das Pop-Jahr 2011

Gesichter des Pop-Jahres: Adele

Am 18. Juni 2011 war die Frau mit der aufregendsten Stimme der Nullerjahre nur noch ein Wrack. Amy Winehouse gab ein Konzert in Belgrad, lallte, torkelte und vergaß ihren Text, wie die Filmchen auf Youtube zeigten. Die Welt hat ihr quasi zugesehen beim Sterben.

Der Tod der englischen Soul-Sängerin am 23. Juli mit 27 Jahren und 4,16 Promille war die traurigste Nachricht dieses Pop-Jahres. Es gab jedoch auch schöne Momente, wie unser Rückblick zeigt.

Lieber normal als schrill: Adele schlägt Lady Gaga. Die Gagamania setzte sich auch in diesem Jahr fort. Fast täglich präsentierte sich die schrille New Yorker Sängerin zur Freude ihrer fast 46 Millionen Facebook-Fans in wechselnden Kostümen. Aber auf ihrem zweiten Album „Born This Way“ befand sich mit „The Edge Of Glory“ eigentlich nur ein Hit. Und selbst der war nicht so richtig gut.

Dagegen verzückte die englische Soul-Sängerin Adele auf ihrem Zweitling „21“ vom ersten bis zum letzten Ton. Die 23-Jährige ist der Gegenentwurf zu Lady Gaga und der Hightech-Welt. Sie ist kein Modepüppchen, sondern herrlich unperfekt und normal. Außerdem hat sie diese unglaubliche Stimme. Weil die ihr zuletzt Probleme bereitete, will Adele nun sogar vor der dreckigen Stadtluft in London flüchten und ein Haus auf dem Land beziehen. Sehr sympathisch.

Sie werden uns fehlen: Wir werden nicht nur Amy Winehouse vermissen. Nach dem Tod von Amy Winehouse sagte der Göttinger Psychotherapeut Borwin Bandelow: „Viele Künstler bekommen nicht deshalb Probleme, weil sie erfolgreich sind, sondern sie werden erfolgreich, weil sie ein Problem haben.“ Manche sind auch erfolgreich, ohne offensichtliche Probleme zu haben - Phil Collins und R.E.M. etwa. Der ehemalige Genesis-Schlagzeuger kündigte das Ende seiner Karriere an, und die US-Rockgruppe löste sich nach mehr als 70 Millionen verkauften Alben auf. Nun haben ihre Fans ein Problem.

Der Bart ist noch lange nicht ab: Der Erfolg der Singer/Songwriter. Den popmusikalischen Modetrend des Jahres setzten diesmal die Männer. Ob US-Singer/Songwriter wie Justin Vernon alias Bon Iver und William Fitzsimmons oder Folk-Bands wie die Fleet Foxes aus Seattle - sie alle tragen Rauschebärte. Die singenden Bärte sehen verwegen aus und machen ergreifende Musik.

Hier zu Lande sorgten dagegen - Pardon - Milchgesichter für Aufsehen. Sanfte Liedermacher wie Clueso und Philipp Poisel räumen schon länger ab, dazu kam in diesem Jahr der Berliner Überflieger Tim Bendzko, der „Nur noch kurz die Welt retten“ wollte, wie seine Single hieß. Noch erfolgreicher war der Hawaiianer Bruno Mars mit seiner Mischung aus R’n’B, Soul, Pop und Reggae. Außerdem wurde er zum inoffiziellen Hutträger des Jahres - neben Udo Lindenberg natürlich, der schon 65 ist und mit jedem Jahr cooler wird.

Aus alt wird neu: Der Retrotrend hält an. Ob der Soul von Adele, der Folk der Singer/Songwriter oder das x-te Disco-Revival, das von der französischen Band Justice eingeläutet wurde - weiterhin wird munter die Musikhistorie geplündert. Wirklich Neues bringt Pop nicht mehr hervor. Der britische Journalist Simon Reynolds schrieb mit „Retromania“ ein ganzes Buch darüber, dass Pop kein Vorreiter mehr ist, sondern nur noch zurückschaut.

Musik in der Wolke: Der Aufstieg der Streamingdienste. Das physische Verschwinden der Musik setzte sich auch 2011 fort. Schallplatten und CDs sind für junge Fans das, was Fossilien für Archäologen sind. Bald brauchen wir auch keine riesigen Festplatten für MP3-Dateien mehr. Streamingdienste wie Simfy speichern unsere Lieblingslieder in der Datenwolke des Internets, auf die wir von überall aus Zugriff haben - vorausgesetzt wir sind nicht im Funkloch. In solchen Momenten ist es gut, retro zu sein und eine CD parat zu haben.

Von Matthias Lohr

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