Gar nicht crazy: Benjamin Lebert beim Göttinger Literaturherbst

Der Schriftsteller Benjamin Lebert. Foto:  dpa

Göttingen. Er lässt sich atemberaubend viel Zeit. Wenn Benjamin Lebert aus seinem neuen Buch „Mitternachtsweg“ liest, sind es die minutiösen, pittoresken Beschreibungen, in denen man sich als Zuhörer verlieren könnte. So viel Sanftmut liegt in den Formulierungen, so viel Wärme in der Sprache - nur mit der sonoren, weichen und dabei kristallklaren Stimme des Autors entfaltet sie sich noch mehr.

Die Besucher im Literarischen Zentrum Göttingen ließen sich in den Bann einer Liebes- und Spukgeschichte ziehen. Die Lesekostproben zum Literaturherbst - in dieser wunderbaren Art dargeboten - vermittelten eine Stimmung zwischen Melancholie und Romantik.

Im sechsten Roman des Erfolgsautors geht es um einen real existierenden Friedhof auf Sylt, wo in früheren Zeiten die an der Küste gestrandeten Toten begraben wurden. In Mitternachtsweg gibt es nach beinahe hundert Jahren wieder ein Begräbnis. Ein junger Historiker beschäftigt sich mit dem Todesfall und wird in eine mysteriöse Geschichte verstrickt.

So behutsam Benjamin Lebert las, so präsent war er für Publikum und den Moderator des Abends, Kevin Kempke, Germanist an der Uni Göttingen. Im Gespräch mit diesem outete sich der Autor als romantischer Mensch, nannte es aber vermessen, sich selbst einer Epoche zuzuordnen, von der man nicht wisse, wie sie sich angefühlt hat. Seine Standpunkte sind so philosophisch wie eindeutig. Von Literaturkritikern kritisch hinterfragte Wiederholungen - auch von romantischen Motiven, wie er sie verwende - verteidigte Lebert. Er sei ein Freund von Wiederholungen, weil das ganze Leben daraus bestehe. Ob er sich manchmal wünsche, dass er eine Karriere ohne seinen Erfolgsroman „Crazy“ gemacht hätte, fragte Kempke zum Schluss. „Ja, das wünsche ich mir. Aber ich wünsche mir manchmal auch, Batman zu sein“, sagte Lebert.

Der Göttinger Literaturherbst endet am Wochenende mit zahlreichen Lesungen. Zum Abschluss am Sonntag, 19 Uhr, stellt in der Paulinerkirche David J. C. MacKay sein Buch zur Energiewende „Sustainable Energy“ vor. MacKay ist Professor für Naturphilosophie in Cambridge und Berater des britischen Ministeriums für Energie und Klimawandel.

Von Ilona Polk

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