Ragna Schirmers Kultursommer-Klavierabend

Ein nicht ganz planmäßiger Abend

Ragna Schirmer

Bad Sooden-Allendorf. Ragna Schirmer (38), eine der Top-Pianistinnen Deutschlands, spielt in Bad Sooden-Allendorf (Werra-Meißner-Kreis) sämtliche Chopin-Etüden und die Sinfonischen Etüden von Robert Schumann. Diesen Kultursommer-Hit wollten sich 180 Besucher nicht entgehen lassen. Sie wurden Zeugen eines nicht ganz planmäßigen Abends.

Dies ist kein Verriss, sondern Protokoll eines etwas aus der Balance geratenen Konzerts. Denn kaum jemand malt sich aus, was alles stimmen muss, damit ein Pianist die psychophysische Höchstleistung erbringen kann, die ihm ein solcher Marathon abverlangt.

Hier war ein Handicap der Kawai-Flügel. Schwergängig, laut Pianistin, und leider auch recht grob im Klang. Dennoch spielte Schirmer die zwölf Etüden op. 10 mit Bravour. Souverän die strahlende C-Dur-Etüde. Makellos und mit viel Charme die folgende, sehr heikle a-Moll-Etüde, bei der Chopin höchste Geläufigkeit der beiden schwachen Finger (Ringfinger und kleiner Finger) der rechten Hand verlangt. So ging es weiter über die brillant gespielte „Schwarze-Tasten-Etüde“ (Ges-Dur) bis zur berühmten „Revolutionsetüde“ mit den donnernden Läufen in der linken Hand.

Ragna Schirmer kündigte an, sie werde nun - anders als angekündigt - die zwölf Chopin-Etüden op. 25 anschließen und den Schumann nach der Pause spielen. Fein abschattiert, mit leicht verzögerten Spitzentönen kamen die Wellenbewegungen der As-Dur-Etüde. In den folgenden Stücken gab es kleine Hänger, bei der a-moll-Etüde blieben einige Basstöne weg, und in der gis-Moll-Etüde kam Schirmer zwei Mal aus der Spur.

Pianisten wissen, was nun geschieht: Man verliert das Vertrauen ins (fremde) Instrument und in die Automatismen der Bewegungsabläufe, man hadert mit sich. Schirmer versuchte es mit vorsichtigem Spiel (Etüde Ges-Dur), ließ die „Sturm“-Etüde aus und stürzte sich mit Wut in die c-moll-Etüde, doch die Souveränität war weg. - Pause.

Mit den Chopin-Etüden op. 10 hat Ragna Schirmer auch Schumanns Sinfonische Etüden auf einer tollen CD eingespielt. Doch beeinträchtigt durch das Vorangegangene, gelang ihr nun keine wirklich souveräne Darbietung mehr. Mit zwei Auslassungen rettete sie sich ins (brillant gespielte) Finale.

Das faire Publikum zollte der mutigen Pianistin dennoch viel Beifall. Einigen stockte aber der Atem, als sie bei der Zugabe die Aria von Bachs Goldberg-Variationen anschlug. Wollte sie das ganze 50-minütige Stück spielen, wie vor 90 Jahren einmal Rudolf Serkin in einer legendären Zugabe? Ragna Schirmer beschränkte sich auf das meditative Thema. Winzige Temposchwankungen verrieten, wie aufgewühlt sie war.

Fazit: Gerade ein nicht perfektes Konzert kann die Bewunderung dafür steigern, was Spitzenpianisten leisten (müssen).

Von Werner Fritsch

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