Pop ist nicht links: Konservative Politiker als Rockfans

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Die rockenden Rechten: CSU-Politiker Markus Söder ließ sich am Wochenende im Kiss-Shirt auf der Bühne des Nürnberger Festivals Rock im Park fotografieren.

Normalerweise hätte sich diese Woche wieder der Grünen-Politiker Cem Özdemir zum Thema Pop und Politik zu Wort melden müssen. Denn das Foto, das seit dem Festival Rock im Park die Runde macht, ist von einer erhabenen Schönheit und sagt einiges aus über unsere Politiker.

Es zeigt Özdemirs CSU-Kollegen Markus Söder. Der Franke steht in Motorradlederjacke und einem T-Shirt seiner Lieblingsband Kiss auf der Nürnberger Festivalbühne, wo gleich die US-Indierock-Band Imagine Dragons auftreten wird.

In der Kluft sieht der bayerische Finanzminister, der bislang eher als Parteisoldat denn als Rocker aufgefallen ist, ein bisschen aus wie der ehemalige Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Der einstige Polit-Popstar der Christsozialen hatte 2009 zu AC/DC-Songs einer Coverband ein Bierzelt in Niederbayern gerockt. Wieso müssen Konservative eigentlich immer den coolen Rocker spielen?

Der damalige Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) machte im September 2009 in einem Bierzelt im niederbayerischen Abensberg Stimmung.

Diese Frage hat sich der Grünen-Vorsitzende Özdemir schon vor zwei Wochen gestellt. Damals ließ sich der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff mit seiner Noch-Ehefrau Bettina von der „Bild“ beim Konzert von Bruce Springsteen in Hannover fotografieren – von jener Zeitung, also, mit der der CDU-Mann einst im Karriere-Fahrstuhl nach oben und dann wieder nach unten gefahren war.

Auf Facebook postete Özdemir danach „eine persönliche Bitte“, die vielleicht ironisch gemeint war, aber nicht so ankam: „Liebe konservative Politiker, tut, was ihr wollt und tut es, wo ihr wollt, aber lasst bitte den Rock’n’Roll in Ruhe. Diese Musik steht so ziemlich für das exakte Gegenteil eurer Politik.“ Nun kann man fragen, ob Özdemirs imposante Koteletten Rock’n’Roll sind oder eher Karneval. In jedem Fall erntete der anatolische Schwabe einen Shitstorm. Die wahren Spießer, so der Tenor der mehr als 1300 Kommentare, seien die Grünen, die uns erst das Rauchen, dann das Schnitzel und nun auch noch die Musik verbieten wollen.

Immer auf der guten Seite

Özdemir hat damit ein sehr traditionelles Verständnis von Pop vermittelt, der früher tatsächlich eher links statt rechts und die „ewig neue Suche nach dem richtigen Leben im falschen“ war, wie es der Journalist Cordt Schnibben einmal schrieb. Das lag an alten Helden wie Janis Joplin, Jim Morrison und Bob Dylan, die auf der vermeintlich guten Seite standen.

Mittlerweile gibt es aber längst Rechtsrock und reaktionären HipHop. Pop und Rock’n’Roll sind zu einem Spiegelbild der Gesellschaft geworden und manchmal so konservativ wie der Musikantenstadl. Auch deshalb fühlen sich Söder und zu Guttenberg in Rock-T-Shirts wohl.

Die Grünen sind also keineswegs die alleinige Partei des Rock’n’Roll – wenngleich Jürgen Trittin auch schon mal selbstironisch als DJ Dosenpfand auflegt. Sie werden es verschmerzen, erst recht, wenn sie an den Satz von Iggy Pop denken. Der Punk sagte 1978: „Fidel Castro hat den Reggae erfunden, Adolf Hitler den Rock’n’Roll.“

Von Matthias Lohr

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