Das Kasseler Sepulkralmuseum zeigt, wie unterschiedlich sich Rockmusiker mit dem Sterben beschäftigten

Der Tod ist nicht mehr der Alte

Facetten eines großen Themas: Bei HipHoppern wie Ice Cube (großes Foto) wird der Tod zum heroischen Akt. Grateful Dead (unten von links) thematisierten auf ihrem Plattencover den Tod als metaphysische Seinserfahrung, Uriah Heep die Vergänglichkeit und The Smiths dessen romantische Ästhetik. Fotos: Koch

Es ist an der Zeit, einen Nachruf auf die Rockmusik zu schreiben. Immer wieder liest man, der Rock sei tot, und jetzt kommt er auch noch ins Museum. „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ heißt die Ausstellung über Tod und Sterben in der Rockmusik, die von heute an im Kasseler Museum für Sepulkralkultur zu sehen ist.

Es geht hier nicht um die großen Toten des Rock wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und Kurt Cobain, die wie auffallend viele andere Stars mit 27 Jahren starben, sondern um den Umgang mit dem Tod. 150 Plattencover, ein 25-minütiger Film, Videoausschnitte und 50 Songs, die man sich per Audio-Guide anhören kann, zeigen, wie unterschiedlich sich der Tod im Zeitgeist und im Genre spiegelt.

Der Kunstwissenschaftler und Plattensammler Josef Spiegel vom Künstlerdorf Schöppingen hat die Schau für das Rock’n’Popmuseum im westfälischen Gronau konzipiert, wo sie im vergangenen Jahr zum ersten Mal gezeigt wurde. Im Ausstellungskatalog schreibt er, dass „Tod und Sterben in der Rock- und Popmusik der 50er- und frühen 60er-Jahre nicht präsent waren“.

Damals wurde Rock noch allein mit Aktivität und Leben gleichgesetzt. Dann kam der Psychedelic-Rock mit Bands wie den Grateful Dead, die über den Tod als metaphysische Seinserfahrung sangen, es kamen die Drogentoten wie Hendrix und Joplin, und es kam im Dezember 1969 das Altamont-Festival in Kalifornien, das von Liebe handeln sollte, auf dem dann aber Hells-Angels-Rocker einen Schwarzen ermordeten. Spätestens da hatte der Rock seine Unschuld verloren.

„The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ ist eine kurzweilige Zeitreise durch die Popkultur, die ohne große Erklärungen auskommt. Es reicht der Soundtrack auf dem Audio-Guide. Dort kann man Punk-Songs der Dead Kennedys und von Slime hören, die radikale Politikkritik betrieben und provozieren wollten („Deutschland muss sterben, damit wir leben können“). Es gibt Klassiker von Juliane Werding („Am Tag, als Conny Kramer starb“), Johnny Cash („Folsom Prison Blues“) und Radiohead („Exit Music“). Und am Ende der Ausstellung stehen blutige Geschmacklosigkeiten von Death-Metal-Bands, die romantisierende Ästhetik der Gothics und Morddrohungen der HipHopper aus dem Ghetto, wo Gewalt und Tod eine heroische Geste sind.

Manche Cover sind mit einer Klappe versehen, weil sie für Jugendliche nicht geeignet sind. Aber das macht das Objekt gerade erst scharf. Viele Bilder kennt man mittlerweile aus anderen Zusammenhängen. Als Provokation taugt der Tod daher heute nur noch bedingt. Auch deshalb hat der Rock einen Teil seiner „Bindekraft als Jugendkultur“ verloren, wie Thomas Mania vom Rock’n’Popmuseum sagt. Aber selbst wenn der Rock tot wäre, ginge es weiter. Schon Bob Dylan sang: „Death is not the end.“

Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25-27, Kassel. Bis zum 12. September, dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, mittwochs 10 bis 20 Uhr. Kontakt: 0561/91893-0.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.