Nicht schnacken, Koffer packen

Meike Winnemuths Reise-Bestseller

Im Kakerlaken-Kostüm: Im Wissenschaftsmuseum London, wo Führungen aus der Sicht von Kakerlaken angeboten werden.

Ich fühlte mich wie ein Zootier, das in der Savanne ausgewildert werden soll, und sich aus Furcht vor der Freiheit nicht aus der Transportkiste traut.“ So beschreibt Meike Winnemuth den Moment, wo sie auf ihre einjährige Weltreise geht.

Wo die Freiheit greifbar geworden ist. Was ist, wenn du auf einmal das machen kannst, wovon du immer geträumt hast? Wenn die Gedankenspiele, die dich so herrlich durch den jammerigen Alltag mit seinen vermeintlichen Beschränkungen retten, wahr werden? Und nun Mut und konkretes Handeln erfordern?

Meike Winnemuth hat es ausprobiert. Die Journalistin (Stern, SZ-Magazin, Geo Saison) hat in Günther Jauchs Sendung „Wer wird Millionär“ 500 000 Euro gewonnen und den Traum von einer Auszeit verwirklicht. Zwölf Monate in zwölf Metropolen der Welt. Ihr Buch über das Experiment, „Das große Los - Wie ich bei Günther Jauch eine halbe Million gewann und einfach losfuhr“, steht auf den Bestsellerlisten.

Und macht enorm Spaß zu lesen. Winnemuth verknüpft ihre Reiseerlebnisse mit grundsätzlichen Betrachtungen über die Frage, warum wir uns eigentlich nicht trauen, viel mehr von dem zu verwirklichen, was wir uns erträumen. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte beim Nachdenken über das eigene Leben.

Die Storys aus Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Schanghai, Honolulu, San Francisco, London, Kopenhagen, Barcelona, Tel Aviv, Addis Abeba und Havanna sind witzig, selbstironisch und sehr inspirierend geschrieben. In zwölf Briefen an ihre Freunde und den Mann, der bei der 500 000-Euro-Frage ihr Publikumsjoker war und den Erfolg ermöglichte, verarbeitet sie ihre Erinnerungen. Dabei wird es nur in dem Kopenhagener Brief etwas arg betulich, den sie an ihr jüngeres Ich schreibt.

Untergebracht in angemieteten Privatwohnungen, erkundet die Singlefrau Anfang 50, die Metropolen aus der Alltagsperspektive. Sie stromert durch die Straßen, sucht sich ein Stammcafé, spricht Leute an. Projekt: Erleben, wie jede Stadt andere Seiten aus ihr hervorlockt. Der Überlebenskampf in Mumbai, die Exzentrik Londons, die Lethargie Honolulus. Sie probiert aus, belegt Kurse in Ukulele, Sticken, Mandarin und Tauchen, nimmt in London an einer Museumsführung im Kakerlakenkostüm teil und in Äthiopien an einem Jazzkonzert. Sie kostet in Hawaii Surinamkirsche-Nelke-Eis, in Addis Abeba den örtlichen Kaffee und in Schanghai frittierte Bienen. Jenseits vom Sightseeing geht es darum: „Endlich mal nicht Bescheid wissen müssen.“

Typisch Journalistin ist der genaue Blick für Details, die Offenheit für Begegnungen mit ganz verschiedenen Menschen. Getreu dem Motto: „Die Welt macht mir Vorschläge, ich nehme sie an.“ Am Ende steht die ermutigende Erkenntnis: Es ist viel leichter als gedacht, seine Träume zu verwirklichen. Die 500 000 Euro brauchte Meike Winnemuth im Grunde nicht dafür. So endet das Buch mit der Aufforderung: „Nicht lang schnacken, Koffer packen.“

Meike Winnemuth: Das große Los, Knaus, 337 S., 19,99 Euro, Wertung: vier von fünf Sternen

Von Bettina Fraschke

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