„Wall Street - Geld schläft nicht“ zeigt die Krise mit Blick aufs Private

Im bekannten Gel-Look: Michael Douglas als Gordon Gekko.

Jake, wisch dir den Sabber aus dem Gesicht“, sagt Winnie zu ihrem Freund, als der das Geld für die nächste Großinvestition wittert. Dabei ist er doch der gute Banker, der in grüne Technologien investiert und will, dass die Wall-Street-Händler so anständig bleiben, wie er es von seinem alten Chef gelernt hat. Ist er aber nicht - auch Jake ist von jenem Virus befallen, das nach Analyse der Finanzheuschrecke Gordon Gekko die Welt antreibt: Gier.

Oliver Stone bricht in seinem Film „Wall Street - Geld schläft nicht“ die Finanzkrise von 2008 auf eine persönliche Ebene hinunter, zeigt, wie sich Familien und Paare, Chefs und Angestellte korrumpieren lassen von der Lust auf immer mehr Geld und vor allem Macht. Glänzende Oberflächen, schwelgerische Kamerafahrten durch das glitzernde New York und das Diamantenfunkeln an den Ohren der Ladys bei einem pompösen Bankett, das die Reichen und Schönen am Vorabend der Krise feiern, als gäbe es kein Morgen, locken auch den Zuschauer in einen verführerischen Sog des Reichtums.

Solche Hintergründigkeiten sind stilistisch wie inhaltlich gut gemacht. Natürlich ist „Wall Street 2“ Mainstream-Kino. Oliver Stone ist kein zweiter Michael Moore. Er erzählt fürs Massenpublikum - das kann man ihm nicht vorwerfen. So reduziert er das visuell unbefriedigende Abfilmen von Krisensitzungen auf ein Minimum und bleibt lieber im Persönlichen - in Umgarnen und Fertigmachen.

Der Film ist da stark, wo er den Figuren das Zwielichtige lässt - und das könnte häufiger sein. Allen voran Gordon Gekko (Michael Douglas, nicht mehr so gut wie im ersten „Wall-Street-Film“ von 1987, aber seine Augen kann er noch zum dämonischen Leuchten bringen).

Gekko saß acht Jahre wegen Insiderhandels im Gefängnis, schreibt über Gier, tingelt durch die Szene und bleibt lange wunderbar undurchsichtig. Ist er geläutert? Der junge Börsenhändler Jake (Shia LaBeouf) möchte das glauben. Er ist schließlich mit Gekkos Tochter Winnie (Carey Mulligan) liiert. Aber er will auch Einfluss an der Wall Street. Finanzmarkt? Das heißt Machtspiele.

Dass die Kinder im Park symbolisch unentwegt Seifenblasen pusten, wenn Jake und Gordon ihre Deals machen, ist visuell zu aufdringlich. Aber wie bei den Banken auf einmal alles ganz schnell den Bach hinuntergeht, rauscht in einem tollen Wirbel aus Fernsehbildern über die Leinwand.

Oberbösewicht ist nun Bretton James (Josh Brolin). Der Investmentbanker manipuliert die Märkte zu seinen Gunsten und antwortet auf die Frage nach seiner Definition von Reichtum nur mit „Mehr“. Wenn er Jake zum Motorradrennen herausfordert und die beiden coolen Typen verbissen alles geben, macht Oliver Stone vollends klar: Finanzmarkt? Das ist ein Jungs-Wettkampf um Rache und Einfluss.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: drei von fünf Sternen

Von Bettina Fraschke

Aus Expertensicht: Gestutzter Finanzkrimi

Mit der realen Wirtschaftskrise hat der Film wenig zu tun. Der Beinah-Kollaps der Finanzwelt kommt geradezu versöhnlich daher. Beißende Kapitalismuskritik wie in Wall Street I weicht der Suche nach der Vaterrolle.

Scheinbar geläutert plaudert Gordon Gekko mit leicht erhobenem Zeigefinger recht lang über die bevorstehende Finanzkrise, streift die Börsencrashs – angefangen bei der Tulpenspekulation 1637. Etwas Immobilienblase, ein paar toxische Kredite, eine Handvoll Spekulationen – verpackt in wohldosierten Sarkasmus. Der Film will unterhalten, und dafür wird die Wirtschaftskrise zur Plauderei auf Partyniveau gestutzt. Während in Wall Street I Gekko der Böse ist, sind es in Wall Street II alle oder keiner. Gekko selbst wirkt lange Zeit nur wie ein Rädchen im Getriebe.

Regisseur Oliver Stone bedient damit die Mär der systemischen Schuld. Weil dem so ist, hat selbst die Hochfinanz – wie Milliardär Warren Buffett und Leerverkäufer James Chanos – kein Problem damit, selbst im Film als eigene Person aufzutauchen.

Schade, dass der Mythos Gekko nicht benutzt wurde, um Verfehlungen der Finanzwelt deutlich zu benennen.

Martina Wewetzer über die Realität in „Wall Street"

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