Neu im Kino: Regisseur Helmut Dietl enttäuscht mit seinem satirischen Sittengemälde „Zettl“

Nichts als billige Klischees

Auf dem Weg nach oben: Karoline Herfurth als Verena und Michael „Bully“ Herbig als Max Zettl. Foto: Warner

Eigentlich wollte Helmut Dietl seinen altgedienten Helden Baby Schimmerlos, mit dem er in der TV-Serie „Kir Royal“ während der 80er-Jahre seinen Ruhm als wichtigster deutscher Komödienregisseur begründete, aus Schwabing ins Herz der Berliner Republik transferieren.

Aber Hauptdarsteller Franz Xaver Kroetz stieg aus. Michael „Bully“ Herbig muss sich als alleinige Hauptfigur Zettl durch die politische Intrigenwelt in Berlin-Mitte schlawinern.

Eigentlich ist dieser Max Zettl ein gewöhnlicher Chauffeur, der sich tief bückt, wenn er der prominenten Kundschaft die Wagentür aufhält - und die Hoffnung hegt, dass sich durch seine Beziehungen für ihn einmal die Tore zu Macht und Ruhm öffnen. Die Chance zum sozialen Aufstieg bietet sich, als der Schweizer Medienmogul Urs Doucier (Ulrich Tukur) ihm aus einer Laune heraus die Leitung des neuen Online-Tratsch-Magazins „The Berliner“ anvertraut.

Zettl findet bald heraus, dass die regierende Berliner Bürgermeisterin und mögliche Kanzlernachfolgerin Veronique von Gutzow (Dagmar Manzel) eigentlich ein Mann ist und sich für die bundespolitische Karriere einer Geschlechtsumwandlung unterzieht. Derweil liegt der Alt-Kanzler (Götz George), der bei seiner Geliebten (Karoline Herfurth) Zuflucht sucht, in den letzten Zügen und wird nach seinem Ableben erst mal auf Eis gelegt.

Debile Bundeskanzler, transsexuelle Oberbürgermeisterinnen, notgeile Ministerpräsidenten, alkoholsüchtige TV-Moderatorinnen - Dietl zeichnet das Leben hinter den Kulissen als ein Sodom und Gomorrha aus Sex, Macht und Korruption. Der richtige Film zur richtigen Zeit, könnte man angesichts der Affäre Wulff denken. Aber Dietls ornamentales Sittengemälde, das mit breitbeiniger, unverfrorener Attitüde daherkommt, segelt etwas schwerfällig auf der Welle populistischer Politikverdrossenheit und entwirft ein Regierungshorrorkabinett, das sich trotz hochkarätigem Ensemble aus billigen Figurenklischees speist.

Von einem erfahrenen Komödienregisseur wie Dietl und einem profunden Analysten der politischen Gegenwart wie Ko-Drehbuchautor Benjamin von Stuckrad-Barre hätte man deutlich mehr satirische Substanz und Brisanz erwartet.

Genre: Komödie

Altersfreigabe:

Wertung: !!:::

www.hna.de/kino

Von Martin Schwickert

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