Alles wird umgestülpt: Martin Werthmann und Slawomir Elsner stellen im Kasseler Kunstverein aus

Nichts versteht sich von selbst

Kein Ausweg: Martin Werthmanns Flucht- und Rettungsplan von einem geschlossenen Gebäude. Davor hat er einen Schreibtisch platziert. Fotos:  Koch

Kassel. Dieser Flucht- und Rettungsplan bietet keinen Ausweg. Auf dem überdimensionalen Grundriss eines Theaters sind Bühne, Umkleide- und Lagerräume, ein Café, Laufwege für den Notfall, Positionen von Erste-Hilfe-Kästen und Feuerlöschern markiert. Aber das Gebäude hat keinen Ein- und Ausgang.

Der Holzschnitt von Martin Werthmann ist eine der zentralen Arbeiten in der Doppelausstellung „undoubtedly/unzweifelhaft“ im Kasseler Kunstverein. Neben dem 28-jährigen Werthmann, der in Kassel aufgewachsen ist, sind Zeichnungen des Kasseler Kunsthochschul-Absolventen Slawomir Elsner zu sehen.

„Die Welt ist so“, kommentiert Werthmann den Lageplan. „Wenn Unsicherheiten aufkommen, rennen die Menschen im Kreis oder wie wild durch die Gegend.“ Es gibt keine Ausflucht, „man kommt aus seinem Menschsein nicht heraus“. Oder man hält sich an „Sicherheitskonstrukte“, sagt Werthmann: Sinnsysteme, geschlossene Weltbilder, sei es Religion oder Glaube an die Wissenschaft. Für erstere steht - goldenes Kalb! - ein ausgestopftes Schaf mit Krone, für letztere eine Labor-Apparatur, mit der Werthmann seinen eigenen Atem in Kohle verwandelt hat, die er zu einem Diamanten hat pressen lassen.

Der Ausstellungstitel, „unzweifelhaft“, ist ironisch, und Ironie - neben dem Pathos - eine mögliche Haltung von Künstlern. Bei Werthmann regiert der Zweifel. Für eine Fußballskulptur hat er die Nähte umgestülpt, das Innere des Balls nach außen gekehrt - nichts versteht sich von selbst. „Das einzige, was unzweifelhaft ist, ist, dass alles in Frage gestellt wird.“ Mächtige Fragen wirft der ausgebildete Bildhauer auf, wie nach der Verantwortung des Einzelnen: An einem Stempelhalter, wie er auf jedem Büroschreibtisch stehen könnte, hängen Gummiabdrücke seiner Finger. Vor seinen Rettungsplan hat er, wie einen Altar, einen Schreibtisch positioniert, als Sinnbild eigenständigen Denkens. Oder für Bürokratie, eine verwaltete Welt, für Schreibtischtäter gar?

Auf vier mal vier Metern hat Werthmann ein Schachbrett ins Riesenhafte vergrößert. Auf 4600 Feldern stehen tausende Schachfiguren. Unmöglich, sich zu orientieren - hier ist kein System zu erkennen. Ist der Mensch Spielball in undurchschaubaren, nicht mehr beherrschbaren Abläufen? Wer hat Macht, bestimmt über die Regeln? Wie weit reichen individueller Einfluss und Entscheidungsfreiheit?

Wie jeder seine Rolle spielt, zeigt Slawomir Elsner in einer schönen Fotoarbeit. Er hat sich an Arbeitsplätze gemogelt, postiert als Lehrer, Apotheker, Musiker, Polizist oder Landwirt. Was ist echt, was ist Trug? Welche Rolle spielt die mediale Vermittlung? Das untersuchen auch seine eindrucksvollen großformatigen Farbstiftzeichnungen, die auf Fotos von seiner Party zum 25. Geburtstag basieren. Er feierte sie im World Trade Center in New York. Kurz darauf stürzten die Twin Towers ein. Es bleiben verwischte, vielleicht verklärte Erinnerungen. Und Bilder von Schaufenstern, in denen Zettel mit Namen der Vermissten hingen. In Elsners Zeichnungen sind die Zettel leer, die Namen getilgt, ausgelöscht.

Bis 27.2., Friedrichsplatz 18, Mi-So 11-18 Uhr, Eintritt 4 (2 Euro), Tel. 0561/771169, www.kasselerkunstverein.de

Von Mark-Christian von Busse

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