Nihilisten oder Pragmatiker?

Besser als ihr Ruf(?) Jugend 2017

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Vernetzt, weltoffen aber nicht blind-idealistisch. Die heutige Jugend sucht vor allem ein gemütliches Plätzchen in der Mitte.

Nicht nur in Kassels Jugend zeigt sich dieser Tage eine Abkehr von vielem, was man mit Jugendkultur in Verbindung bringt. Doch wo stehen Teens und Twens heute eigentlich wirklich?

Vor einigen Jahren macht ein Bausparvertrags-Werbespot augenzwinkernd Furore: Ein kleines Mädel im Grundschulalter erklärt dort ihrem entsetzten Vater, selbst augenscheinlich eher Berufsrebell, vor dem Hintergrund eines punkigen Bauwagenparks „wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden“. Fast, so scheint es, hat der Spot Früchte getragen. Jetzt, ein gutes Dutzend Jahre später, ist aus dem zahnlückigen Dreikäsehoch des alternativen Wohnprojekts das Mitglied einer Jugendgeneration geworden, die so konservativ wie wenige vor ihr ist. Der folgende Artikel wagt einen tieferen Blick in die Köpfe der jugendlichen Anti-Rebellen.

Rebell? Das geht auch ohne Straßenschlacht

Für die meisten heute lebenden Menschen war ihre Jugendzeit vor allem von einem verbindenden Element geprägt. Dem Aufbegehren gegen „die Alten“, gegen das Establishment, gegen das Elend der Welt. Darin unterscheiden sich die Moped-bewehrten Rock ´n´ Roll Jugendlichen der 50er-Jahre ebenso wenig von ihren friedensbewegten Hippie-Nachfolgern ein Jahrzehnt später. Und selbst die Techno-Generation Ende der 90er einte vor allem der ähnlich gelagerte Glaube, dass man, um etwas zu verändern, vor allem laut, provokant und auf der Straße sein müsse. 

Und heute? Heute lebt in den Kinderzimmern eine Jugend, die nicht weniger politisch ist – dafür aber um Längen weniger rebellisch. Natürlich gibt es auch heute noch diejenigen, die die Welt verändern wollen. Für viele Angehörige ihrer Generation ist indes jedoch längst klar, dass man das nicht mit der Brechstange schafft, sondern nur von innen. Und das geht nur, indem man Teil des Systems wird. Genau das tun sie.

Rückzugsorte

Vorangegangene Generationen waren in Sachen Karriere immer ein Extrem beider Seiten: Für so manchen Hippie konnte der Ausstieg aus der Leistungsgesellschaft gar nicht schnell genug gehen. Später in den 80ern zelebrierten dann die Popper das krasse Gegenteil mit einem karriereorientierten, ziemlich hedonistischen Stil.

Heute indes haben wir eine Generation Z. Millionen von jungen Menschen, die sehr deutlich verstanden haben, dass die Zukunft nicht nur voller Rosen hängt, wenn man nur genug konsumiert und genügend Schranken über Bord wirft. Eine Generation, die niemals die gleichen sozialen Sicherungsnetze kennenlernte wie ihre Vorgänger. Eine Generation, für die eine Vater-Mutter-Kind-Familie seit der Geburt nur als eine Option von vielen gelehrt wurde. 

Und unsere Jugend ist vielleicht sehr viel cleverer als ihre Vorgänger: Sie glaubt nicht mehr den Sprüchen von Chefs und Politikern, sie ist nicht mehr bereit, sich um ihre Jugendjahre zu schuften, nur für das Versprechen, dass irgendwann – vielleicht – eine große Karriere winkt. Sie ist wesentlich genügsamer geworden und weit weniger selbstzerstörerisch.

  • Partnerschaft
  • Familie
  • Unabhängigkeit
  • Gesundheit

Das ist der große Wertekanon der heutigen Jugend. Das führt auch zu dem Paradoxon, dass die Jugend heute zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten wesentlich konservativer als die älteren Generationen ist. 

Schon hagelt es Kritik. So wird der Generation unterstellt, zu wenig Verantwortung übernehmen zu wollen, zu harmonieselig zu sein. Die Generation-Z’ler sollen viel zu ignorant gegenüber dem (politischen) Tagesgeschehen sein und sich innerhalb ihrer Sehnsucht nach Harmonie zu wenig um die Welt „da draußen“ sorgen. Allerdings muss man zum Bewerten dieser Kritik auch betrachten, von wem sie stammt – nämlich von Angehörigen einer viel politischeren Generation, die noch nach dem alten Schema des Rebellischen agierte.

Einsam im Netz

Aus „spießbürgerlicher“ Sicht ist die heutige Jugend also ein echter Traum. Allerdings hört man dennoch auch von anderen Seiten Gegenstimmen. Immer wieder im Fokus: Der bereits angesprochene Nihilismus. 

Fakt ist, dass heutige Jugendliche Zugang zu einer derartig gewichtigen Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik haben, wie sie nur eine Generation zuvor nur den Mächtigen vorbehalten war. Klar ist, dass dies einer erneuten Differenzierung bedarf. Denn der Dauer-Smartphone-nutzende Jugendliche ist eben solch ein Klischee, dass dafür das Wort „Smombie“ (Aus Smartphone und Zombie) nicht nur erschaffen wurde, sondern es 2015 zum Jugendwort des Jahres schaffte. 

Aber in der Retrospektive Zehn Jahre Jugend und Smartphones zeigt sich eben auch, dass die Smombies durchaus kommunikativer geworden sind. Die Smartphone-Möglichkeiten verbessern die Teamfähigkeit, machen Gruppen-Kommunikation wesentlich einfacher. Allerdings ist es ebenso eine Tatsache, dass 72% der 18 bis 29-Jährigen zugeben, täglich bis zu achtmal zu lügen – oft genug, weil die unpersönliche Smart-Kommunikation ein solches Verhalten begünstigt. 

Jedoch muss man der Jugend ebenso zugutehalten, dass nur noch 20% rauchen, und mit nur 27% eine geradezu historisch niedrige Zahl der 16-Jährigen bereits Sex hatte – und das, obwohl der Jugend gerade eben wegen der Digitalisierung und dem dadurch entstandenen Zugang zu nicht-jugendfreiem Material gerne nachgesagt wird, unverantwortlich promiskuitiv zu sein. 

Allerdings leiden die „Realwelt“-Kontakte dieser Generation durch die Online-Welt stärker als bei Älteren. Kein Wunder, das Internet macht, in großen Mengen genossen, einsam – und da sind die Jugendlichen derzeit mit über drei Stunden täglich Spitzenreiter. Interessanter Weise sehen die Betroffenen selbst dies allerdings nicht als Problem: Während Ältere warnen, dass das Smartphone einen sozial verarmt, haben die Jugendlichen eher das Gefühl, dass sie ohne den Dauer-Kontakt zu Whatsapp und Co. einsam würden.

Eher un-nationalistisch

Eine besonders interessante Tatsache ist überdies die, dass die heutige Jugend bis auf wenige Ausnahmen ausnehmend wenig national denkt. Weder sieht sie den Begriff Nationalität besonders positiv, noch negativ. Es herrscht eher der Gedanke, dass die damit - historisch – verbundenen Probleme zu schwer wiegen. Da wundert es auch nicht, dass die überwiegende Zahl wenig von Staatssymbolen wie Flaggen und Hymnen hält. 

Allerdings sollte dies nicht dazu verleiten, zu glauben, dass Jugendliche heute generell keinen diesbezüglichen Wertekanon hätten. Sie sehen diesen nur überregional – Europa statt Deutschland etwa. Und nicht als Jubel um des Jubelns willen, sondern eher aus Respekt für gemeinsam Erreichtes. 

Politische Extreme beider Seiten lehnt der überwiegende Teil der Jugendlichen dagegen ab. Auch hier sind die Parallelen hin zur gesellschaftlichen Mitte unübersehbar.

Fazit

Jung und rebellisch – zumindest für die heutige Jugend-Generation gilt „das war einmal“. Die heutigen Jugendlichen sind unterm Strich wesentlich vernünftiger als ihr Ruf. Sie halten sich fern von den Extremen und versuchen, einfach und irgendwie ein „normales“ Leben zu führen – viel mehr als Pragmatiker denn als Nihilisten. Mit dieser Haltung lässt sich vielleicht nicht die Weltrevolution anzetteln. Aber mit Sicherheit ein insgesamt ausbalancierteres Leben führen. Allerdings gilt auch, dass wenn Geschichte sich wiederholt, uns in 15,20 Jahren damit wahrscheinlich eine neue Generation von Rebellen erwartet, denen die „Spießigkeit“ ihrer Eltern ein echter Dorn im Auge ist.

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