Nina Hagen: "Ich saß Jesus gegenüber“

Die Sängerin Nina Hagen hat immer nach Erleuchtung gesucht. Mit esoterischen Äußerungen zu Ufos und Visionen produzierte sie Schlagzeilen. Und auch mit ihrem christlichen Glauben: 2009 ließ sie sich taufen.

Am Samstag kommt sie auf ihrer Kirchentour mit Gospel-Songs zur Ehre Gottes nach Kassel.

Ihre CD heißt „Personal Jesus“. Was bedeutet Jesus für Sie?

Zur Person

Nina Hagen wurde am 11. März 1955 in Ostberlin geboren. Ihr Vater ist der Drehbuchautor Hans Oliva-Hagen, ihre Mutter Schauspielerin Eva-Maria Hagen - später mit Wolf Biermann liiert. Ihr erster Hit ist 1972 „Du hast den Farbfilm vergessen“. 1976 Übersiedlung in den Westen. Hagen sorgt für Furore in der Punkszene, 1978 Debütalbum „Nina Hagen Band“. Zahlreiche Platten, Tourneen, Kooperationen, schrille Medienauftritte und Schlagzeilen um ihre beiden gescheiterten Ehen mit erheblich jüngeren Männern. 2003 Autobiografie „Nina Hagen - That’s why the Lady is a Punk“, 2010 „Bekenntnisse“. Hagen ist Mutter der Schauspielerin Cosma Shiva, geboren 1981, und von Otis, geboren 1990.

Nina Hagen: Jesus ist Gottes Liebe in Person! Ich habe über meinen geliebten Jesus Christus ein dickes Buch geschrieben, „Bekenntnisse“. In meiner Kindheit und Jugend gab es viele traumatische Erlebnisse, die mich an den Rand der Selbstaufgabe brachten. Ich wollte mir das Leben nehmen. Ich habe seit meiner frühen Kindheit an Gott geglaubt, aber mein Glauben war jung und schwach. Als ich mit 17 auf meinem ersten LSD-Trip in der Hölle landete, Gott um Hilfe anschrie und gerettet wurde, ein Nahtoderlebnis hatte, war das der größte Glaubenstest und -beweis. Ich war nicht identisch mit meinem Körper. Gott nahm mich mit in sein Königreich. Ich saß Jesus eine ganze irdische Nacht von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Was ich erlebte, sprengt die Sprache. Musik kann es am besten beschreiben. Und so wurde ich zu der Sängerin und Musikerin, die man seit 40 Jahren kennt.

Jesu Lehren sind, wenn man sie ernst nimmt, radikal - man denke an die Bergpredigt. Sind sie Wegweiser im Alltag?

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Nina Hagen singt in Kasseler Christuskirche

Hagen: Die Welt, in der wir leben, ist „radikal“. Die Seligpreisungen spornen mich an zur lebendigen Nächstenliebe. Ohne Christus und ohne heiligen Geist bin ich im falschen Film und am Tag des physischen Todes in großer Gefahr, für immer verloren zu gehen. Das wahre Leben ist nur in Christus. So ist es von Gott bestimmt, dass wir nicht verloren gehen. Jesus Christus ist unsere einzige Rettung aus der irdischen Sterblichkeit.

Fürchten Sie nicht, dass Musik über den Glauben in religiösen Kitsch abdriften kann?

Hagen: Nein, gar nicht. Die Tradition der Gospelmusik ist über alle Kritik und Anklage erhaben. Sie hat alle anderen modernen Stilrichtungen geprägt, die wir so lieben und schätzen. Der Blues, der Rock, der Soul, der Funk, der Jazz und Swing, der Rock & Roll, der Reggae, der Ska, HipHop, und ich könnte noch ewig aufzählen, was alles aus den ersten Negro-Spirituals, dem wunderbaren Gospel erwachsen ist.

Haben Sie eine Lieblingsgeschichte in der Bibel?

Hagen: Ja, sehr viele. Die Geschichte von Jesu Geburt auf Erden ist wunderbar. Da wagt sich Gott unter dem Cover der dunklen Nacht als neugeborenenes Kind in finsteres Feindesland vor, wo die Menschen sich versklaven und entrechten. Obwohl sie in der Sterblichkeit feststecken, machen sie sich wenig Gedanken darüber, wer sie wirklich sind. Zufallsprodukte eines grimmigen Gottes? Nein, geliebte Kinder Gottes. Gott hat alles auf eine Karte gesetzt, um uns den Aufsehern und Sklavenhaltern zu entreißen. Er kam, um den Menschen die gute Botschaft der wahren und ewigen Liebe Gottes zu überbringen. Und die frohe Botschaft Gottes ist wirklich revolutionär: Alle Menschen sind gleichwertig. Alle Menschen sind geliebte Kinder Gottes, nicht nur eine kleine Anzahl von Menschen, ein Volk , nein alle Menschen, alle Völker! Und dafür ist Jesus sogar gefoltert und ermordet worden von den Sklavenhaltern dieser Welt. Er hat gepredigt , dass sein Reich nicht von dieser Welt ist, sondern Gottes Königreich, das Heimatland unserer Seele, in der ewigen, unsterblichen Welt.

Fühlen Sie sich in der Kirche aufgehoben? Nehmen Sie an Gemeindeleben teil? Gehen Sie zum Gottesdienst?

Hagen: Ja, ich bin Mitglied der evangelisch-reformierten Gemeinde in Schüttorf mit unserem Friedenspastor Kalle, also Karl W. ter Horst, wir schreiben gute Bücher wie „Vorboten der Zukunft“, haben ein Friedensnetzwerk gegründet, in dem wir Kriegsdienstverweigerern helfen, sie unterstützen, dass sie in Freiheit leben können und nie wieder zum gewaltsamen Töten in blutige Kriege zurückgeschickt werden können. Ich bin auch auf dem diesjährigen ökumenischen Kirchentag gewesen und bin sehr guter Dinge, denn dort habe ich die Ökumene bereits erleben dürfen! Und auf meiner diesjährigen Lesereise und auch jetzt auf der aktuellen Gospelkonzert-Tournee durch viele Kirchen Deutschlands, evangelische und katholische, erlebe ich eine wunderbare, lebendige Kirche, die ausruft: Es ist Krieg, entrüstet euch!

Sie haben vieles ausprobiert, den Glauben an indische Mystiker, Ufos und Außerirdische. Sind Sie jetzt angekommen?

Hagen: Ich bin mein ganzes Leben angekommen, auch in Zeiten der Glaubensanfechtung - im indischen Ashram zum Beispiel - war ich durch und durch Christin und folgte Jesus nach.

Welche Irrtümer bereuen Sie - oder war Ihr Weg der richtige?

Hagen: Jesus ist der Weg, und diesen Weg beschreite ich seit Kindertagen, und es ist eine Straße, die kein Ende hat.

Was verdanken Sie Ihrer Suche?

Hagen: Ich verdanke meinen Glauben vielen wunderbaren Glaubensgeschwistern in meiner Kindheit und Jugend, die für mich gebetet haben, die mit mir gebetet haben und die mir von Gott und seiner wunderbaren Botschaft der wahren Freiheit und des ewigen Lebens erzählt haben.

Wenn andere Menschen zum Glauben finden wollen, welchen Tipp würden Sie geben?

Hagen: In der Bibel lesen! Einst fragte man mein großes Vorbild Bertolt Brecht, was denn wohl sein Lieblingsbuch sei, und er antwortete: „Sie werden lachen: Die Bibel.“

Verstehen Sie, dass Ihnen manche Menschen Ihren Glauben womöglich nicht abnehmen, weil Sie von so vielen spirituellen Erlebnissen geschwärmt haben?

Hagen: Sie haben mein Buch nicht gelesen oder sie kennen mich nicht, kennen mich vielleicht nur durch die Medien, die bekanntlicherweise ihr eigenes Bild malen.

Was erwartet Besucher Ihres Konzerts?

Hagen: Die allerallerbeste Musik und Botschaft, seit es Musik und Botschaft gibt!

Themawechsel: Sie haben mit unzähligen anderen Musikern zusammengearbeitet. Wer hat den bleibendsten Eindruck hinterlassen?

Hagen: Alle! Ich liebe und schätze alle die Musiker, mit denen ich zusammen musizieren darf, unbeschreiblich! Zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Eberhard Schöner und mit HK Gruber und Max Raabe bei der Dreigroschenoper.

Und mit wem würden Sie unbedingt singen wollen?

Hagen: Cliff Richard, Tom Jones und Al Greene. Wir wollen paar starke Gospelrocksongs zusammen singen... duettieren!

Ihre erste Veröffentlichung überhaupt – damals im DDR-Staaatsverlag Amiga - war „Du hast den Farbfilm vergessen“. „Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee, Micha, mein Micha und alles tat so weh…“ Ein echter Ohrwurm. Wann waren Sie zuletzt auf Hiddensee?

Hagen: Ich war noch nie im Leben auf Hiddensee. Hoffentlich lädt mich mal jemand ein. Und dieses Lied „Du hast den Farbfilm vergessen“, das strotzt ja nur so vor Doppeldeutigkeit. Also: „Hoch stand der Sanddorn“ = die Grenzsperranlagen. „Micha, mein Micha“ = der deutsche Michel (nach dem heiligen Michael, dem Schutzpatron Deutschlands), die DDR-Regierung. „und alles tat so weh / entlud sich mein Leid / So böse stampfte mein nackter Fuß den Sand“ = das allgemeine Unwohlsein des Daseins in der DDR. „die Kaninchen“ = das Feldgrau der Grenzer. „scheu schauten aus dem Bau“ = den Wachtürmen und Unterständen. „schlug ich von meiner Schulter deine Hand“ = die Ablehnung der paternalisierenden Zuwendung durch die Partei. „Tu das noch einmal, Micha, und ich geh'!“ = Androhung der Stellung eines Ausreiseantrages. „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael“ = diese wohleingerichtete sozialistische Welt, die der Farbe ermangelt. „Nun glaubt uns kein Mensch wie schön's hier war“ = Es war in gewisser Weise wirklich schön, zumindest so schön, dass es jetzt zu Ostalgien Anlass geben kann. „Du hast den Farbfilm vergessen“ = aber eben mangelt es an Farbe, an Spontaneität, an Pluralität, an unmittelbarem, unorganisiertem Leben, eben: alles nur Schwarzweiß.

Hatte das Jubiläum 20 Jahre deutsche Einheit Bedeutung für Sie?

Hagen: Ja, aber hallo! Natürlich! Hey! Das war ein riesiger Gottesbeweis, dass die Mauer friedlich eingestampft wurde. Die Menschen haben sich in Kirchen getroffen, zum verbotene Freiheits-Pläne schmieden, verbotene Lieder singen, verbotene Witze reißen, verbotene Gebete beten. Und siehste: Mit Gottes Hilfe schaffen wir, das Volk, alles. Wenn wir uns an diesen Zusammenhalt erinnern, wird es wieder und wieder möglich sein, dass sich Volkes Wille durchsetzt.

Auch Ihre Mutter und Tochter stehen im Licht der Öffentlichkeit. Macht das ein „normales“ Familienleben schwer? Wie ist Ihr Zusammenhalt?

Hagen: Wir sind eine sehr lustige Familie, eigentlich könnten wir Humor mit Nachnamen heißen. Wir können uns immer aufeinander verlassen und gehen gemeinsam Pferde stehlen.

Nina Hagen & Band, Samstag, 20 Uhr, Martinskirche Kassel. HNA-Kartenservice: 0561/203204.

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