Nino Haratischwili beim Literarischen Frühling: "Hoffnung muss sein"

Ein Backstein von einem Buch: Nino Haratischwili im Gespräch mit Christiane Kohl (links). Foto: Jaeger

Bad Wildungen. Ihr Buch "Das achte Leben (für Brilka)" ist ein Ziegelstein: 1275 Seiten dick. Bei einer Lesung in Bad Wildungen machte Nino Haratischwili darauf neugierig.

In ein 1275-Seiten-Buch einzuführen, ist eine schwierige Aufgabe. Moderatorin Christiane Kohl nannte Nino Haratischwilis gewaltiges georgisches Familienepos „Das achte Leben (für Brilka)“ Montagabend beim Festival Literarischer Frühling im vollen Barocksaal des Schlosses Friedrichstein in Bad Wildungen einen „Backstein“: ein „Erzählereignis“, das ein ganzes Jahrhundert umspannt. Entsprechend brauchte es einige Anlaufzeit, bis sich ihre Begeisterung („grandios“, „man liest es atemlos“) übertrug.

Doch Haratischwili erzählte so sprühend und lebendig von der Recherche, die ihr ein Stipendium der Bosch-Stiftung ermöglicht hat, dass sie, wie auch mit den gelesenen Passagen, auf den Roman sehr neugierig machte, an dem sie ingesamt vier Jahre gearbeitet hat. Mit 20 war Haratischwili zum Studium nach Hamburg gekommen und dort geblieben. Als sie lapidar erklärte „da habe ich die Sprache gewechselt“, staunten die Zuhörer. Schon als Jugendliche hatte sie zwei Jahre in Nordrhein-Westfalen die Schule besucht und bereits in Tiflis Deutsch gelernt. Und Georgien, dieses Land, das sich Gott als sein eigenes Urlaubsparadies aufbewahrte, wie es eine Legende sagt, ließ die 32-Jährige natürlich auch später nicht los.

Geschichte Georgiens verstehen

Auf ihrem Schulweg war sie stets an der schicken Villa Lawrentij Berijas vorübergegangen, des grausamen Geheimdienstchefs unter Stalin und dessen „rechte Hand“ im Terror. Sie habe ihre Wissenslücken zum Stalinismus schließen, ihre eigenen Fragen beantworten, die Geschichte Georgiens verstehen wollen, erklärte Haratischwili ihre „ganz egoistischen Motive“. Dabei sei sie „immer weiter rückwärts gereist“, von 2007 über die Ära der Perestroika, die Stagnation der Breschnew-Zeit, die Ära des Tauwetters und Stalins Terror bis zur Oktoberrevolution zurück, als Georgien nach kurzer Phase der Demokratie „zwangseingegliedert“ wurde. Aus dem wirren „Wollknäuel“ der Historie habe sie immer neue Fäden gezogen. Immer wieder ist in die Familiengeschichte exemplarisch eingewoben, wie, so Christiane Kohl, „die politische Welt ins Private eingreift“.

Das habe sie an ihre Grenzen geführt, sagte die ehemalige Hausautorin des Deutschen Theaters in Göttingen, deren erstes Buch „Juja“ 2010 gleich auf der Auswahlliste des Deutschen Buchpreises gelandet war. Sie habe von wunderbaren, heldenhaften Menschen gehört, von Witz und Humor, die zu überleben halfen, aber eben auch Grausamkeiten in Details erfahren, „wo man jede Art von Glauben an die Menschheit verliert“, sagte Haratischwili: Erpressung, Verrat, Brutalität, Opfer für die Ideologie, gänzlich unschuldige Tote. Menschen, die andere schonen wollen, führten nur um so schlimmeres Unglück herbei.

"Hoffnung muss sein"

Prägungen, die in den ehemaligen Ostblock-Staaten (die man nicht alle in einen Topf werfen dürfe) fortwirken. „Die Sowjetunion ist zusammengekracht, aber das System ist in vielen Köpfen noch da. Das kriegt man nicht so schnell los.“ Die Perestroika sei eine Zäsur gewesen, aber eben kein völliger Neuanfang. Sehr vieles, was zurzeit in Osteuropa geschehe, sei „die direkte Fortschreibung der Ereignisse, die 1917 begonnen haben“. Auch Putin sei ein direkter Erbe: „Er ist halt KGBler.“ In Georgien sei der „Messianismus“ eine Folge der sowjetischen Ära von 70 Jahren Unselbstständigkeit, der berauschende Glaube an unerfüllbare Versprechungen: „Das schlägt dann in große Enttäuschung und Abwehr um.“ Demonstrieren sei die zweitliebste Beschäftigung der Georgier nach dem Feiern, sagte Haratischwili lachend.

Für die zwölfjährige Brilka aber, Nichte der Erzählerin, steht als letztes Kapitel des Buchs nur ein leeres Blatt. Sie wisse, dass diese Hoffnung, die Geschichte neu und anders fortschreiben zu können, naiv, vielleicht kindisch sei: „Aber ich will diese Hoffnung bewahren. Hoffnung muss sein.“

Für Haratischwili selbst hat das Buch bei allem Schrecklichen einen positiven Effekt. Der Ururgroßvater der Protagonistin hat eine so betörende, magische Formel für dickflüssige, heiße Schokolade erfunden, dass das Publikum bei der Beschreibung all der unwiderstehlichen, köstlichen Sorten raunte. „Das Gute ist, ich krieg’ jetzt immer Schokolade geschenkt“, sagte Haratischwili: Insofern sei das Buch „sehr lukrativ“.

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