Anja Bihlmaier dirigiert die Saisoneröffnung in Hannover mit Antonín Dvorˇáks Oper „Rusalka“

Die Nixe als Selbstmörderin

Düstere Welt in Hannovers „Rusalka“: (von links) Stefan Adam, Mareike Morr und Khatuna Mikaberidze. Foto: Jauk

Hannover. Arme Sara Eterno! Die Saisoneröffnung an der Staatsoper Hannover hätte ihr Abend werden können. Doch die Sopranistin, dem nordhessischen Publikum aus dem Jahren 2009 bis 2011 bekannt, als sie im Ensemble des Kasseler Staatstheaters sang, war zur Pantomime verurteilt, weil es ihr im Wortsinne die Stimme verschlagen hatte (wie Antonín Dvorˇáks Rusalka, der Seejungfrau, die zu den Menschen hinaufgeht und dort zum Spielzeug des Prinzen wird).

Statt ihrer sang vom Bühnenrand aus Rebecca Davis die Rusalka, großartig mit Kraft und Schmelz. Beim üppigen Schlussapplaus nahm sie die Italienerin zur Seite, die jedoch zu keinem Lächeln fand. Ein Drama im Drama.

Noch eine Wiederbegegnung gab es. Der in Kassel immer noch beliebte Stefan Adam sang die Nebenrolle des Hegers. Und einen Ausblick konnte man auch erleben. Kassels neue Erste Kapellmeisterin Anja Bihlmaier leitete das Orchester. Straff war ihr Dirigat, vielfältig, feinherb, wo nötig, wenn es sich anbot auch mit dickem Pinsel. Berechtigter großer Jubel auch für sie.

Das Hannoveraner Ensemble präsentierte sich insgesamt prächtig. Mit Andrea Shin als Prinz, mit Tobias Schabel als Wassermann, mit Khatuna Mikaberidze als Hexe und mit Brigitte Hahn als Fürstin ergab sich eine sängerische rundum gelungene Premiere.

Als beim Schlussapplaus Dietrich W. Hilsdorf auf die Bühne trat, durfte man Buhs erwarten. Doch sie blieben aus. Der Regisseur hatte alles Märchenhafte aus der Inszenierung herausgenommen. Eine einzige Lichteinstellung, kein Wasser, kein Nebel, kein Mond.

Rusalka ist für ihn die berühmte „Unbekannte aus der Seine“, eine junge Selbstmörderin aus dem Paris von 1900, deren Totenmaske damals Europa faszinierte. Hilsdorf lässt sie in einem Leichenschauhaus wieder auferstehen, zeichnet sie als Opfer, als Frau, die scheitern muss. Die Welt oben ist über eine Wendeltreppe zu erreichen. Mit Rückfahrkarte für die junge Frau. Das Ende zeigt Rusalka mit ihrem toten Kind, der Prinz liegt seelenlos auf der Bahre. Keine Erlösung für niemanden.

Die Inszenierung arbeitet mit vielen psychologischen Andeutungen, überdehnt sie jedoch nicht, sodass sich ein anregendes, gelegentlich auch aufregendes Spiel entrollt, dem man folgen kann, aber nicht muss. Insgesamt ein prächtiger Opernabend.

Die nächsten Aufführungen: 1., 11., 18. und 27.10. Karten: Tel. 0511 / 99 99 11 11. www.staatstheater-hannover.de

Von Johannes Mundry

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