Mit bombastischem Pop könnten Polarkreis 18 aus Dresden die deutschen U2 werden

Noch größer geht’s nicht

Lieben die Gegensätze: Sänger Felix Räuber (vorn rechts, im Uhrzeigersinn) und seine Bandkollegen Philipp Makolies, Silvester Wenzel, Ludwig Bauer, Christian Grochau und Uwe Pasora spielen Maskenball und erzählen von der Freiheit. Foto: Schäfer / nh

Für Felix Räuber kann es gar nicht hoch genug hinausgehen. Vor zwei Wochen sang der Frontmann der Dresdner Pop-Band Polarkreis 18 im Albertinum der sächsischen Hauptstadt als Countertenor seine erste Händel-Arie. Bisweilen schafft der 26-Jährige mit seiner Stimme sogar Sopranhöhen. Und die ersten Hörer des heute erscheinenden Polarkreis-18-Albums „Frei“ fragten, welche Frau da zu hören sei - es ist Räuber.

Schon vor zwei Jahren war das sächsische Quintett ganz oben. „Allein, allein“, ihre wunderbare Hymne auf die Einsamkeit, führte fünf Wochen die deutschen Charts an. Mit ihrem vierten Album könnte der Band nun der ganz große Wurf gelingen. Für die zehn neuen Songs haben sich Räuber und seine Kollegen von Franz Schuberts „Winterreise“, dem berühmtesten Liederzyklus der Romantik, inspirieren lassen. Die Lieder tragen Titel wie „Unendliche Sinfonie“, „All That I Love“ und „Deine Liebe“.

Es ist ein bombastischer Sound zwischen Indie-Rock, großen Synthesizer-Melodien und Orchester-Arrangements, die von Sven Helbig stammen, dem Mitbegründer der Dresdner Symphoniker. Wer 2007 das Gitarren-Feedback von Polarkreis 18 beim Auftritt im Kasseler Club A.R.M. gehört hat und sich dabei an Radiohead erinnert fühlte, fragt sich nun zunächst: Geht das alles nicht auch eine Nummer kleiner?

Räuber sagt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Wir stehen auf einen größenwahnsinnigen Sound.“ Und das ist letztlich das Besondere und Schöne an Polarkreis 18. Es gibt hier zu Lande nicht viele Bands, die den Mut zur Größe haben. Kommerzieller Erfolg gilt oft als Ausverkauf. Räuber indes sagt: „Unsere Musik soll eingängig sein und möglichst viele Leute erreichen.“ Wenn das so weiter geht, könnten Polarkreis 18 die deutschen U2 werden.

Schon jetzt ist ihre Geschichte anrührend: Kennengelernt haben sich die Band-Mitglieder in der sechsten Klasse. Seit drei Jahren können sie von ihrer Musik leben. Sie machen nichts anderes. An „Frei“ haben sie ein Jahr lang im bandeigenen Studio gearbeitet. Sie trafen sich morgens um elf und arbeiteten bis abends um acht - mindestens fünfmal in der Woche. „Das war alles andere als Rock’n’Roll“, sagt Räuber, dessen Freundin Malerin ist. Einige Band-Mitglieder haben bereits Familien gegründet.

Als Künstler lieben Polarkreis 18 die Sehnsucht. Schuberts „Winterreise“ wurde für sie so zum Leitfaden - vom bejahenden „Frei“ bis zum Tod in „Elegie“. Für den perfekten Sound besorgten sich die Musiker gar einen Fairlight CMI, den ersten digitalen Synthesizer, mit dem Ende der 70er Künstler wie Peter Gabriel arbeiteten. Als sie das Gerät in Dresden hatten, fanden sie auf den Disketten Originalsounds von Michael-Jackson-Songs. Den ersten Ton von „Beat It“ machten sie zum ersten Ton von „Deine Liebe“. Größer geht’s nicht.

Polarkreis 18: Frei (Vertigo/Universal). Wertung: !!!!!

Von Matthias Lohr

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