Interview: Christian Ulmen über seine Kinorolle als „Jonas“

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Fast so gut wie Guttenberg: Christian Ulmen als Jonas (rechts) beim Abschreiben.

In dem experimentellen, semi-dokumentarischen Film „Jonas“ schlüpft der Schauspieler und Moderator Christian Ulmen (36) in die Rolle eines jungen Mannes, dem eine letzte Chance auf einen geregelten Schulabschluss gewährt wird.

Sechs Wochen lang mischte sich Ulmen alias „Jonas“ unter die Schüler der Musikbetonten Gesamtschule „Paul Dessau“ in Zeuthen und wurde dabei voll ins Kollektiv integriert. Ein Gespräch.

Herr Ulmen, wie haben Sie die sehr lebensnahe Figur des Jonas erarbeitet?

Christian Ulmen: Aus der Kraft der Fantasie und unter Einbeziehung der Umstände, für die wir die Figur brauchten. Jonas hat einen funktionalen Charakter, er muss uns die Tür in eine Schulwelt öffnen. Wir wollten eine Dokumentation über Schulalltag machen. Dazu benötigten wir einen Protagonisten, durch dessen Augen wir einen Blick auf den Stress und den Druck erhaschen können. Im Gegensatz zu den anderen Figuren, die ich vorher in ähnlichen Kontexten gespielt habe, durfte Jonas nicht provozieren und nicht anecken. Er durfte in sich nicht zu lustig sein. Diese Figur musste sich dem Schulalltag gut unterwerfen lassen, um dann dort mitzulaufen. Ein Typ wie Jonas bot sich an. Er ist schon zweimal sitzen geblieben und will seine letzte Chance ergreifen.

Sie sprechen bewusst von einer Dokumentation. Inwiefern waren Sie tatsächlich inkognito unterwegs?

Ulmen: Wir haben alle eingeweiht, das ging nur so. Wenn man sechs Wochen lang mit jemandem arbeitet, muss der einem auch vertrauen. Hätte jemand erst im Nachhinein festgestellt, dass Jonas eigentlich dieser Ulmen ist, hätte er sich verarscht gefühlt. Das Risiko war zu hoch, dass das Projekt genau daran scheitert. Deshalb haben wir genau erklärt, wie wir es machen wollen. Das Wissen, dass hinter Jonas ein Schauspieler steckt, ist aber irrelevant. Am ersten Tag ist es für Schüler und Lehrer noch interessant. Danach wird Jonas einfach so angenommen und geglaubt, wie er ist.

Haben Sie auch Ablehnung erfahren?

Ulmen: Die Lehrer waren sauer, wenn Jonas sich nicht angestrengt und seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Er war wahrscheinlich nicht der Lieblingsschüler des Mathelehrers, nachdem er bei einer Klausur abgeschrieben hat und zur Strafe an die Tafel musste. Es gab auch Schüler, die ihn nervig fanden. Mit einem wäre Jonas gern befreundet gewesen, aber der zeigte wenig Interesse an ihm.

Was hat sich seit Ihrer eigenen Schulzeit verändert?

Ulmen: Es hat sich gar nichts verändert. Die Lehrer sehen noch genauso aus. Sie tragen noch immer Kleidung aus nie dagewesenen Modeströmungen. Es riecht alles genauso, und dasselbe Unbehagen und dieselbe Angst wabern herum, wenn die Glocke läutet. All das ist gleich geblieben. Der einzige Unterschied ist meines Empfindens nach, dass der Druck ein anderer geworden ist. Er dehnt sich jetzt auch auf die Zeit nach der Schule aus. Die Schüler denken darüber nach, ob sie arbeitslos werden, weil sie mal eine Fünf in Chemie geschrieben haben. Das war für mich ein neues Phänomen.

Was haben Sie aus dieser Arbeit für sich persönlich mitgenommen?

Ulmen: Die Erkenntnis, dass Angst in der Schule kein guter Berater ist. Außerdem habe ich meine eigenen Mini-Schultraumata durch diese Rückkehr besiegt.

Wären Sie gern noch einmal 18?

Ulmen: Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin so glücklich, dass ich da nicht mehr hin muss, dass ich keinen Logarithmus lernen muss und dass ich mich nur mit den Dingen beschäftigen darf, die mich wirklich interessieren. Diese Freiheit erlebe ich nach dieser neuerlichen Schulerfahrung jeden Tag ganz bewusst. Das freut mich wahnsinnig. Ich möchte nie wieder in die Schule gehen.

Von André Wesche

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