Nordhessin aus Italien: Gudensberg feiert Künstlerin Carin Grudda

Gudensberg. „Mit 60 springt man ins Alter“, findet Carin Grudda. Sie sagt das weder verzagt noch melancholisch. Es ist eben so. Menschen, sagt die Künstlerin, sind immer wieder auf dem Sprung. In eine Ausbildung, ein Studium, in eine neue Partnerschaft, einen Job, eine Stadt.

Im Springen gibt es einen Moment der Leichtigkeit, des Abhebens, in der Luft sein. Wie Kinder, die über einen Graben hüpfen, aufgeregt, unsicher, am Ende stolz sind. Springen - es kommt dem Traum vom Fliegen nahe.

Die tonnenschwere Bronze „Der Sprung“, die zum 60. Geburtstag der aus Gudensberg (Schwalm-Eder-Kreis) stammenden, in Ligurien lebenden Künstlerin Carin Grudda gegossen wurde, drückt das aus. Der mutige Schritt nach vorn, von der Rückseite sieht der Fuß aus wie ein Flügel, Wind lässt das Haar wehen, „die Herzen wachsen mir einfach über den Kopf“. Kurz: „Ich bin so.“

Auf dem Sprung, zwischen den Welten, „Tra i Mondi“, wie ihr Skulpturenpark in Lingueglietta heißt, das steht auch für Gruddas Leben zwischen ihrer Heimat Gudensberg, wo Eltern und Verwandte leben, und der weiten Welt. Gern spricht sie vom Stand- und vom Spielbein. „Zukunft braucht Herkunft“, erinnert sie an ihren Professor im Studium, Odo Marquard. Und siehe: Ihre Bronzefigur hat einen Fuß fest auf dem Boden. Den Blick nach vorn gerichtet von einer festen Basis aus.

Es sind gewissermaßen Grudda-Festspiele, die die Stadt Gudensberg ihrer Künstlerin ausrichtet. Mit 60 Plastiken, 60 Bildern, 60 Grafiken. Verschiedene Domizile hat ihre Kunst. Die teils tonnenschweren Figuren, denen trotzdem etwas Fröhliches, Munteres anmutet, sind überall verstreut. Das „Wolkenpelztier“, der „verträumte König“, der „rastende Narr“ - gemacht für Menschen, die sie in Besitz nehmen sollen. Auch 1000 Holzpfähle sind in der ganzen Stadt verteilt, die jeder spielerisch gestalten kann, wie er mag. „In der Liebe und im Spiel erlebt man das Unendliche, Selbstvergessenheit, vergisst man die Zeit“, sagt Grudda. Aber auch die Spuren, die das Leben zwischen Werden und Vergehen hinterlässt, interessieren sie. Schalbretter, die zum Transport in der Gießerei verwendet werden, bearbeitet sie weiter, bemalt sie, fügt Fundstücke hinzu.

„In der Bronze fehlt mir die Farbe, bei den Bildern fehlt mir die Strenge“, erläutert Grudda. Bleibt die Grafik. In der Alten Synagoge lernt man eine andere Carin Grudda kennen. Kaltnadelradierungen, die so viel Kraft erfordern - mit Stahlgriffeln werden Rillen und Gräben direkt in die Zinkplatte gezogen - erzählen vom Außenseiter sein, Abseitsstehen, davon, wie sich Gesellschaft durch Ausgrenzung und Abwehr definiert. Gerade an diesem Ort ist das sehr eindrucksvoll.

Service

Bis zum 27. Oktober zeigt Carin Grudda zahlreiche Werke in Gudensberg. Die Skulpturen in der Innenstadt sind jederzeit frei zugänglich. Schwerpunkte sind das Kulturhaus Synagoge (Hintergasse 23, täglich 14 - 18 Uhr, ab 14.10. Sa/So 14 - 18 Uhr), das Haus am Töpfenmarkt (Untergasse 30, täglich 14 - 18 Uhr sowie n. V.) und der GolfPark (Ziegelei 1, täglich von 10 - 20 Uhr). Eintritt frei.

Es gibt ein umfangreiches Führungs- und Begleitprogramm. Heute, 19 Uhr, und am 5.10., 15 Uhr, am Brunnen hinter dem Rathaus: „Siehste mal“ - Führung mit Welf Kerner (Akkordeon) und Schauspieler Thomas Hof. Bei der Orientierung helfen Flyer und ein Katalog (10 Euro). Alle Infos: www.grudda-gudensberg.de, Tel. 05603/933-116 oder -128

Von Mark-Christian von Busse

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