Nostalgischer Rockspielplatz: Ausstellung „David Bowie“

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David Bowie 1973: Fotografie von Masayoshi Sukita. Fotos:  Museum

Berlin. Es ist ein Kraftakt, David Bowie (67) nicht zu mögen. Immerhin hat der britische Musiker während seiner 50-jährigen Karriere nicht nur Hymnen für jede Lebenslage verfasst, sondern nebenbei auch noch der Mode, der Videokunst und den Geschlechterklischees des 20. Jahrhunderts den Kopf verdreht. Er sang in Berlin gegen die Mauer, propagierte die Wespentaille für den Mann und versteht es, in der atemlosen Medienlandschaft immer wieder wohltuend verschwunden zu sein.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Bowie nun als kulturelles Phänomen und Instanz des guten Geschmacks im Kunstmuseum landet. Nach London, Toronto und São Paulo hat die Bowie-Schau des Victoria & Albert Museums ihre vierte Station Berlin erreicht. Bis zum 10. August sind im Martin-Gropius-Bau die Spuren des unnahbaren Musikmagiers zu sehen: funkelbunte Kostüme an stummen Schaufensterpuppen, Konzertschnipsel auf Riesenleinwand und die Philosophiebücher, die Bowie als Teenager in der U-Bahn las.

Zusätzlich zur Ai-Weiwei-Retrospektive „Evidence“ mit inzwischen über 100 000 Besuchern hat sich das Berliner Museum nun die zweite Blockbuster-Schau ins Haus geholt. In Erwartung des gewaltigen Besucherandrangs wurden extra die Öffnungszeiten verlängert und der Ruhetag am Dienstag gestrichen.

Die Nachbarschaft der Künstler zeigt, dass eine Ausstellung auf unterschiedliche Art monumental sein kann. Während Ai Weiweis Mahnmal-Werke bedeutungsschwer im Raum thronen, ist „David Bowie“ ein multimedialer Spielplatz mit Rock-Klangteppich. Überall flimmern Bildschirme, und der Ton flaniert auf faszinierende Weise mit den Besuchern. Der eigens entwickelte Audioguide der Firma Sennheiser registriert den Standort des Trägers und spielt automatisch den richtigen Sound im richtigen Raum.

In ihren besten Momenten ist die Ausstellung eine aufregende Begegnung mit einer der stilsichersten Persönlichkeiten der Welt, in ihren weniger guten erinnert sie an Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett mit Musik. Doch vielleicht ist die Frage, ob das Bowie-Spektakel nun ins Museum gehört, gar nicht ausschlaggebend. Denn die Schau wird vor allem durch die persönlichen Geschichten des Publikums funktionieren. Der Sänger ist nicht nur ein Phänomen der Zeitgeschichte, sondern auch ein gemeinsamer Nenner für Museumsgänger und Nicht-Museumsgänger. Jeder Besucher kommt mit seinem persönlichen Bild von David Bowie. Eine Reise nach Berlin ist immer eine Reise in die eigenen Erinnerungen.

Bowie selbst hat sich bisher übrigens nicht zu seinem Museums-Ich geäußert. Die Schau entstand ohne seine Beteiligung, und weder in London noch in Berlin ließ er sich zur Eröffnung blicken. Sein ehemaliger Tonmeister Eduard Meyer kann immerhin von einer indirekten Reaktion des Meisters berichten. Per E-Mail erzählte er dem Sänger von seinem geplanten Ausflug nach Berlin. „Schön, von dir zu hören“, schrieb David Bowie zurück. „Ich hoffe, es ist die Reise wert.“

Bis zum 10. August täglich im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7. Informationen und Tickets auf www.davidbowie-berlin.de

Bowie in Berlin

Martin Roth, Direktor des Victoria & Albert Museums in London, ist sich sicher: „David Bowie ohne Berlin, das geht nicht.“ Sein Museum hat die Urform der Bowie-Ausstellung konzipiert, die nun für den Martin-Gropius-Bau um ein Berlin-Kapitel erweitert wurde.

Von 1976 bis 1978 flüchtete sich der aufsteigende Popstar (geboren als David Jones) regelrecht in die geteilte deutsche Hauptstadt. Zusammen mit seinem Musikerkollegen Iggy Pop wohnte Bowie damals in der Hauptstraße 155 in Schöneberg, wo er sich eigentlich eine Auszeit von der Musik gönnen und sich der Malerei widmen wollte. Schließlich entstanden in den Berliner Hansa Studios jedoch insgesamt drei Alben, darunter „Heroes“ mit der gleichnamigen Anti-Mauer-Hymne. In der Ausstellung ist eine sympathisch bemühte Version des Liedes auf Deutsch zu hören („wir sind dann Helden, für einen Tag“).

Anfang 2013 veröffentlichte Bowie das Stück „Where are we now“ (Wo sind wir jetzt), in dem er sich mit den Veränderungen im Berlin des 21. Jahrhunderts auseinandersetzt. In der Hauptstraße 155 befindet sich inzwischen ein Laden für Hochzeits- und Bauchtanzbekleidung. (str)

Von Saskia Trebing

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