Im Kino: Danny Boyles packendes Bergsteiger-Drama „127 Hours“

Verzwickte Sache: Aron Ralston (James Franco). Foto: Fox

Die Hand tastet sich ins obere Schrankfach. Sie sucht – wir sehen es – ein Schweizer Taschenmesser, das zu weit hinten liegt, um es ohne Zuhilfenahme eines Stuhls oder einer Leiter zu erreichen. Stattdessen greift die Hand ein billiges Multi-Tool aus dem Baumarkt, das nur über eine kleine, stumpfe Klinge verfügt.

Einen Tag später ist dieselbe Hand eingeklemmt zwischen einem riesigen Gesteinsbrocken und einer Felswand. Sie wird für immer dort bleiben, nachdem der Unterarm mithilfe der stumpfen Klinge vom Körper abgetrennt wurde. Fünf Tage lang war Aron Ralston in einer Felsspalte eingeklemmt, wartete vergeblich auf Rettung, bis er den Mut und die Kraft für den martialischen Akt der Selbstamputation fand.

Danny Boyle, dessen „Slumdog Millionaire“ im vorletzten Jahr mit acht Oscars ausgezeichnet wurde, hat nun über diesen Aron Ralston einen Ein-Personen-Film gemacht. Aber trotz des eingeschränkten Settings und des begrenzten Personals ist „127 Hours“ zu keiner Minute langweilig. Das liegt vor allem an James Franco, der den abenteuerlustigen Outdoor-Fan mit einer solchen Lebensenergie füllt, dass man nie müde wird, ihm zuzuschauen. Egal ob er mit dem Mountainbike durch die Steppe heizt, wie eine Gämse von einem Felsen zum anderen springt, mit Freudengeschrei in einen unterirdischen See springt oder eben in einer Felsspalte eingeklemmt ist.

Aber auch wenn seine Figur schon nach kurzer Zeit zur Bewegungsunfähigkeit verdammt ist, bleiben die Bilder mobil, folgen der Fantasie des Verunglückten. Auf deren Flügeln fliegt die Kamera hinein in die atemberaubende Landschaft und in die Erinnerungswelten seiner Figur. Den Tod vor Augen, tauchen Eltern, Freunde und die Geliebte auf oder einfach nur eine Dose Limonade, die weit weg im Kofferraum des Wagens liegen geblieben ist.

Ganz tief taucht Boyle ein in das radikale Einsamkeitserlebnis, durch das die eigene Existenz und der männliche Hang zur Selbstüberschätzung ebenso grundlegend wie humorvoll hinterfragt werden. Die Verzweiflung hat in „127 Hours“ viele Gesichter, genauso wie die Hoffnung und der ungebrochene Lebenswille des Verletzten, bis er nach fünf Tagen dem Tod durch Verdursten mit der brachialen Tat entgeht. Der Film schaut nicht weg, wenn Ralston sich zunächst den Knochen bricht, um sich dann mühsam durch Fleisch und Sehnen arbeitet. Der grausame, amateurchirurgische Vorgang gehört zur Geschichte dazu, weil er die Radikalität des Überlebenswillens beschreibt.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: !!!!:

Von Martin Schwickert

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