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Notre-Dame-Organist Olivier Latry in der Kasseler Martinskirche

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Von: Werner Fritsch

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Kraftvoll und klar: Olivier Latry an der Rieger-Orgel in St. Martin.
Kraftvoll und klar: Olivier Latry an der Rieger-Orgel in St. Martin. © Dieter Schachtschneider

Feiner Klang trifft auf französische Tradition: Der Auftritt des Pariser Star-Organisten Olivier Latry in der Kasseler Martinskirche wurde zum Ereignis.

Kassel – Prominenter Besuch in Kassel: Olivier Latry, Titularorganist der Pariser Kathedrale Notre Dame, gab am Freitag in der Martinskirche ein Konzert in der Reihe „Am Siebten“.

Ein besonderes Ereignis, denn Latry, der zu den herausragenden Organisten unserer Zeit zählt, spielte an der Rieger-Orgel ein Programm, wie es in Kassel noch nicht zu hören war.

Frühbarocke Orgelstücke aus Frankreich, Spanien und England nahm Latry zum Ausgangspunkt für eigene Improvisationen. Dazu kamen kleinere Orgelwerke aktueller französischer Komponisten wie Jean Guillou, Jean-Pierre Leguay und Vincent Paulet. Als Höhepunkt folgte eine groß angelegte Improvisation Latrys über die biblische Schöpfungsgeschichte, deren Text eigens im Programm abgedruckt war.

Latry „vertonte“ allerdings nicht einfach den Bibeltext, obwohl es nahelag, Sätze wie „Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels“ herauszuhören. Ausgehend von fahlen Akkorden entwickelte Latrys eine eigenständige musikalische Erzählung, die in verschiedenartige klangliche und spielerische Sphären führte – mit einer grandiosen Steigerung zum Schluss, ehe sie in leisen Klängen verebbte.

Bei Latrys Orgelspiel fasziniert neben dem „Was“ in gleichem Maße das „Wie“. Neben dem kraftvollen, klaren Zugriff ist es besonders das virtuose Spiel mit dem Orgelklang durch fließende Übergänge und fein gesetzte Kontraste. Dass Latry von der Tradition der französischen sinfonischen Orgelmusik herkommt, verleiht seinem Spiel dabei eine besondere Stringenz. Die Rieger-Orgel war hier einmal mehr ganz neu zu erleben.

Wie Tradition zum Ausgangspunkt für Neues werden kann, hatte Latry bereits im ersten Konzertteil eindrucksvoll gezeigt. Aus dem Satz „Cromorne en taille“ aus der großen Orgelmesse François Couperins, bei der das im Tenor geführte zarte Soloregister klanglich warm eingebettet ist, entwickelte Latry improvisatorisch eine beunruhigende, immer dichter werdende Verkettung von Akkorden, die am Ende in feinste Klänge zerfaserte.

Auf die Standing Ovations des zahlreichen Publikums reagierte Latry, indem er an einen früheren prominenten Kassel-Besucher erinnerte – Johann Sebastian Bach. Mit dessen „Dorischer Toccata“, die der Leipziger Thomaskantor 1732 in der Martinskirche gespielt haben soll, setzte er einen markanten Schlusspunkt.

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