Mike Leighs warmherzige Alltagsstudie „Another Year“ im Kino

Im Einvernehmen beim Kochen: Gerri (Ruth Sheen) umarmt ihren Ehemann Tom (Jim Broadbent) in der Reihenhaus-Küche. Foto:  dpa

Wie glücklich sind Sie auf einer Skala von eins bis zehn?“, fragt Therapeutin Gerri eine Klientin. „Eins“, antwortet die verbittert in der Eröffnungssequenz von Mike Leighs grandioser Alltagsstudie „Another Year“.

Aber helfen lassen will sie sich nicht, „Veränderungen sind beängstigend“, stellt Gerri nickend fest. Da bleibt man lieber im Unglück.

Dieser Vorspann präsentiert genau das Thema des großen britischen Menschenkenners Mike Leigh („Lügen und Geheimnisse“, „Happy-Go-Lucky“). Er erzählt von dem Ehepaar mit den sprechenden Namen Tom (Jim Broadbent) und Gerri (Ruth Sheen) sowie dessen Freundeskreis. Der Geologe und die Therapeutin werkeln im Garten, rühren in der Nudelsauce, machen Weinflaschen auf, beherbergen ihre Freunde zum Tee im Reihenhaus und lassen die über ihr Unglücklichsein sprechen.

Tom und Gerri sind glücklich. Auf eine unausgesprochene, unspektakuläre Art. Wir sehen sie, wie sie sich abends im Bett aneinanderschmiegen und noch einen kleinen Scherz machen, wie sie sich über die neue Partnerin ihres Sohnes freuen, wie sie dem betrunkenen Freund aus der Misere helfen, wie sie einfach da sind für andere. In vier Kapiteln entsprechend den vier Jahreszeiten rollt das „weitere Jahr“ des Filmtitels ab.

„Another Year“ ist ein Film wie ein Vergrößerungsglas. Er holt einen Alltagsausschnitt so nah heran, dass man im Kleinen die Dinge erkennen kann, die das Große prägen.

Wodurch werden wir glücklich? Die Eckart von Hirschhausens dieser Welt verdienen Millionen mit simplen Glücksrezepten, keine Teepackung im Supermarkt kommt mehr ohne schwulstige Namen wie „Freu dich“ aus.

Glücklich aber sind Tom und Gerri mit ihren Penne Arrabiata und ihrem liebevollen Einvernehmen, das sich in einem Blick zeigt, oder darin, wie sie die Sätze des anderen vollenden. Denn das Glück wird deutlich im Kontrast: Der Film zeigt die beiden im Austausch mit ihren Freunden, etwa Mary (Lesley Manville), die sich einen Mann wünscht, aber keinen wirklich an sich ranlässt, die sich zu jugendlich kleidet für ihr fortgeschrittenes Alter, die bei zu viel Wein weinerlich wird.

Mary kommt oft zu Besuch, will unter den Schutzschirm der Geborgenheit schlüpfen. Sie selbst kann aber nicht glücklich werden. Warum? Das arbeitet Leigh an kleinsten Details heraus - eben wie unter der Lupe. Mary steht sich selbst im Weg, hört nicht gut zu, kreist nur um sich, lässt dem Glück keinen Raum zu wachsen. Und auch für sie gilt: Veränderungen sind beängstigend. Sie bleibt lieber die, der das Leben misslingt.

Wie Leigh die Glückskurven hier nach unten und dort nach oben steigen lässt und dabei weit entfernt ist vom schlaumeierischen Selbsterfahrungs-Duktus, das ist wunderbar lebensklug und mit tollen Darstellern erzählt.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: vier von fünf Sternen

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