Deutscher spielt in US-Erfolgsserie

Interview mit Numan Acar über „Homeland“: „Alles ist viel größer“

Wird in seiner Heimatstadt als Held gefeiert: Haissam Haqqani (Numan Acar). Foto: Kabel1

Ein deutscher Schauspieler, Numan Acar, hat in der vierten Staffel von „Homeland“ um CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) am Freitag ab 20.15 Uhr auf Kabel 1 eine Hauptrolle.

Folge eins beginnt mit einem Drohnenangriff des US-Geheimdienstes auf eine Hochzeitsgesellschaft in Pakistan. Ihm sollte Top-Terrorist Haissam Haqqani (Acar) zum Opfer fallen. Stattdessen fanden Unschuldige den Tod.

Was ist bei einer US-Produktion wie „Homeland“ im Vergleich zu Filmdrehs in Deutschland anders ?

Numan Acar: Der große Unterschied ist, dass die Produktion, also das Volumen, das Budget, größer ist. Das macht sich natürlich in allen Belangen bemerkbar. Statt eine Straße fünf Meter abzusperren, wird sie komplett gesperrt. Dadurch ist der ganze Film größer - für mich als Schauspieler, aber auch für die Zuschauer.

Hatten Sie Kontakt zu den US-Stars, zum Beispiel Clare Danes? 

Acar: Wir haben ja vier Monate zusammen in Kapstadt gedreht. Da hat man natürlich auch privat viel miteinander zu tun. Das war eine sehr schöne Gruppe, ein sehr schönes Arbeitsklima. Wir haben auch viel zusammen unternommen.

Wie kam Ihre Verbindung zum „Homeland“-Team zustande? 

Acar: Solche Rollen werden ausgeschrieben, und ich war einer von vielen Bewerbern. Man schickt ein Casting-Tape ein, und das ist offenbar gut angekommen. Gedreht wurde komplett auf Englisch. Ich hatte aber noch ein paar andere Szenen. Langweilig war es nie, sondern sehr aufregend.

Man fragt sich als Zuschauer immer, wie kann diese verwickelte, temporeiche Handlung immer noch weiter gehen und der Schrecken noch gesteigert werden? Ist „Homeland“ irgendwann zu Ende erzählt? 

Acar: Ich glaube, das ist nie der Fall. Bestimmte Figuren vielleicht. Aber die Autoren sind so kreativ, dass sie immer wieder Neues entdecken und erzählen können. Die vierte Staffel zeichnet genau das aus. Da wird ein Neustart unternommen und ein neues Thema in einem neuen Land aufgegriffen. Das ist wieder grandios recherchiert, geschrieben und inszeniert.

Wie nahe ist „Homeland“ an der Wirklichkeit? 

Acar: Da gibt es mit Sicherheit Parallelen, vielleicht in einem anderen Kontext. Die Autoren recherchieren sehr akribisch. Die Inspiration stammt aus realen Ereignissen.

„Homeland“ zeigt, wie die Freiheit bedroht ist, wie der Westen auch eigene Werte verrät. Macht Ihnen diese Entwicklung Angst? 

Acar: Nein. Aber das ist eine Realität. Ich finde es mutig, wie die „Homeland“-Macher damit kritisch umgehen, und das in einer weltbekannten Serie. Ich wünschte mir, dass wir den Mut hätten, solche Geschichten auch in Deutschland zu erzählen. Die gibt es hier sicher auch.

Sie spielen einen pakistanischen Terroristen. Haben Sie sich mit dem Phänomen des islamistischen Terrors auseinandergesetzt? 

Acar: Das ist natürlich ein Thema für mich, aber nicht in der Vorbereitung für meine Figur Haissam Haqqani und die Dreharbeiten. Haqqani ist auf der pakistanisch-afghanischen Seite ein Held. Ganz klar habe ich Dokumentationen gesehen, Bilder, und versucht, diese Figur von allen Seiten zu beleuchten, auch die plakative Art, wie er dargestellt wird, und versucht einzufangen, was hinter der Fassade passiert: Wie ist es, wenn diese Terroristen mit Freunden zusammen sind, Tee trinken? Sehen sie dann immer noch so finster aus? Oder gibt es da eine Menschlichkeit? Ich war verblüfft, als ich die Bilder gesehen habe. Diese andere Seite gibt es auch.

Es ist eigentlich unvorstellbar, dass es Jugendliche aus deutschen Städten - gerade auch junge Frauen - in Gebiete zieht, die der IS erobert hat. Haben Sie eine Erklärung für diese Faszination? 

Acar: Der Islam ist ein Vehikel für andere Probleme, die da zusammenkommen, und die über die Religion ausgetragen werden. Das ist eine individuelle Sache, die persönlichen Probleme liegen woanders, nicht in der Religionsthematik. Das könnte auch eine andere extreme Gruppierung sein. Die Weltreligion des Islam ist keine Religion des Terrors. In Deutschland leben Millionen im Einklang mit ihrem Glauben und pflegen ein vertrautes, liebevolles Miteinander. Jede Religion kann man instrumentalisieren. Viele Millionen Moslems distanzieren sich vom Islamischen Staat.

Es gibt auch Kritik an „Homeland“. Die Serie zeige die arabische Welt nur mit islamfeindlichen Klischees. Alle Muslime sind potenzielle Attentäter, die Amerikanern schaden wollen. Finden Sie diese Kritik nachvollziehbar? 

Acar: Natürlich polarisiert so eine Serie, aber das sagt mehr über die Person aus, die so eine Kritik äußert. In der vierten Staffel jedenfalls wird es ganz große Überraschungen geben.

Sie sind selbst auch zwischen den Welten aufgewachsen. Wie funktioniert die Integration in Deutschland? 

Acar: Ich habe sehr wenige Konfrontationen erlebt. Das war unproblematisch. Ich war auch offen allem gegenüber. In meiner Nähe haben sich Menschen deshalb immer wohl gefühlt. Ich hatte keine traumatischen Erlebnisse. Integration ist immer eine Entwicklung. Wir sind mittendrin. Aus meiner Sicht geht sie gut voran. Das Medium Film ist ein großer Teil davon. Ich wünsche mir, dass wir Filmemacher mit Migrationshintergrund noch mehr Geschichten erzählen können, dass es noch selbstverständlicher wird, dass es auch unsere Perspektive gibt.

Ihr eigener Weg klingt märchenhaft. Maurerlehre, Bauingenieurstudium, dann der Einstieg ins Filmgeschäft. Wie hat das geklappt? Durch Beharrlichkeit, Energie? 

Acar: Durch ganz viel Fleißarbeit. Dadurch, dass ich immer daran geglaubt habe, dass ich eine Chance bekomme, mich zu zeigen, wahrgenommen zu werden, wenn ich fleißig bin, meine Hausaufgaben mache. Das sieht nach außen natürlich schön aus: Vom Nobody zum Hollywood-Star. Aber für mich hat die Geschichte viel eher angefangen. Als ich mich bemüht habe, überhaupt eine Agentur zu bekommen, ein englisches Band zu haben. Das musste ich alles selbst finanzieren.

Sie sind Schauspieler, Drehbuchautor, Produzent - in welcher Rolle fühlen Sie sich am wohlsten? 

Acar: Ich sehe mich als Filmschaffender, als jemand, der sich für diesen Bereich interessiert, und ich habe keine Scheu, Sachen anzupacken. Als Schauspieler habe ich die Produktion am Set beobachtet und dachte: Das kann ich auch machen. Statt lange darüber nachzudenken, habe ich es probiert. Geschrieben und versucht, das zu realisieren. Als Schauspieler habe ich zurzeit tolle Projekte, auch demnächst. Aber ich verspüre auch die Leidenschaft, dass ich etwas erzählen will. Als Filmschaffender mit Migrationshintergrund fühle ich auch eine Verpflichtung, einen Beitrag zu leisten.

Die Kulturstaatsministerin Grütters hat gerade beklagt, früher hätte es mehr mutige Regisseure gegeben - teilen Sie diese Ansicht? Was fehlt dem deutschen Film? 

Acar: Das Problem ist: Es wird einem nicht Mut gemacht, etwas auszuprobieren, es wird eher suggeriert, etwas Sicheres zu machen. Das ist wichtiger als das eigene Profil. Aber das ist das Geheimnis des kreativen Filmemachens: Dass man an seine Vision glauben muss und versuchen muss, sie zu realisieren. Man muss Menschen dafür gewinnen. „Victoria“ ist ein gutes Beispiel. Aber die Allgemeinheit hat ein Sicherheitsdenken. Stattdessen müsste man bei der Filmförderung und bei den TV-Anstalten vor allem nach dem Neuen fragen.

Neulich hatte eine alte „Traumschiff“-Folge im ZDF abends die meisten Zuschauer. Da müssen doch jüngere Zuschauer aufs Netz oder auf DVDs ausweichen, wenn die Sender das anbieten. Hat diese Art Fernsehen überhaupt Zukunft? 

Acar: Das ist natürlich eine Frage der Zielgruppe. Beim ZDF ist der Schnitt eben 60 plus. Aber zum Glück gibt es ja auch noch Sender, die Serien wie „Homeland“ zeigen und damit ein jüngeres Publikum ansprechen. Wer nach Serien regelrecht süchtig ist, schaut aber natürlich häufig auch im Netz.

„Homeland“ ist eine anspruchsvolle, aber eben auch herausragende Produktion. Sie wurde schon bei Sat1 zu einer unmöglichen Sendezeit versendet und wird bei Kabel 1 auch nicht gerade prominent gesendet. Das ist auch mangelnder Mut. 

Acar: Die Interna dieser Platzierung sind nicht mein Part. Ich kann nur sagen: Herzlichen Glückwunsch, Kabel 1, dazu, dass sie eine tolle Serie zeigen werden.

Zur Person

Numan Acar (40, ledig) ist in Kozoglu/Türkei geboren, in Wiesbaden aufgewachsen und lebt in Berlin. Nach einer Maurerlehre holte er sein Fachabi nach und studierte Bauingenieurwesen. Über das Theaterspielen kam er zum Film. Acar ist Schauspieler („Kebab Connection“) und gründete die Filmproduktion Acar Entertainment. 2014 erhielt er beim Hessischen Filmpreis den Drehbuchpreis.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.