„Nur das Chaos ist fair“: Das turbulente Kinderstück „Alice“ in Kassel

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Doppelbödig: Eva-Maria Keller und Jürgen Wink in „Alice“.

Kassel. „Herzlich willkommen im Zoo für bedrohte Arten.“ Mit einer Stimme aus dem Off geht’s los. Da sitzen welche und spielen Mau Mau. Elisabeth Hütter, Eva-Maria Keller, Aljoscha Langel und Jürgen Wink bewachen als Zoowärter einen Nichtelefanten. Also keinen Elefanten?

Nicht ganz, denn ein Nichtelefant ist ja nicht einfach nicht da, sondern als Nichtelefant eben doch! Allein der Gedanke ist ja schon Realität, wovon alle Diktatoren zu allen Zeiten ein schlimmes Lied singen können. Alles ist möglich, weil nichts unmöglich ist, daher ist alles wahr und falsch, oben ist unten, so wie zwei plus zwei ja auch eins sein kann oder 11,5 - je nachdem.

Lewis Carroll hat mit seinem 1865 erschienenen Roman „Alice im Wunderland“ die Logik auf den Kopf gestellt und damit die Fantasie entfesselt. Katja Hensel hat daraus 2008 ein Theaterstück gemacht, das am Staatstheater vorgestern in der Inszenierung von Martin Pfaff Premiere im tif feierte.

Wie inszeniert man einen Sturz ins Bodenlose auf den horizontalen Theaterbrettern? Man legt sich auf eine Euro-Palette mit Rädern (später werden daraus unter anderem Türen) kurvt herum und tut so, als fiele man. Weil nichts ist, wie es scheint, kann der Schein nicht trügen, weshalb auch nur wenige Requisiten zum Einsatz kommen (Bühne und Kostüme: Anika Klippstein). Natürlich kann Alice auch von einem Mann fortgeschrittenen Alters gespielt werden, zum Beispiel Jürgen Wink, der sich eine Perücke aufsetzt und mit tiefer Stimme weiterspricht. Die Schauspieler schlüpfen in zahlreiche Rollen: Eva-Maria Keller glänzt als Flasche und als schrille Herzkönigin. Aljoscha Langel ist mehr als nur das versponnene Kaninchen, während Elisabeth Hütter mal als Wimper im Tränenmeer schwimmt, um dann als Herzogin alle einzuwickeln. „Alle quälen sich sehr – nur das Chaos ist fair“ lautet die Devise.

„Alice“ ist mit seiner verspielten Lust an der Zertrümmerung der (Sprach-)Logik und Sinnzusammenhänge, mit seinen fabelhaften Kostümen und seiner absurden Doppelbödigkeit keine leichte Kost. Es wird für Kinder ab acht empfohlen (was etwas früh angesetzt scheint), aber auch für Erwachsene. Begeisterter Beifall.

Wieder am 30., 31.3., Kartentelefon: 0561-1094-222.

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