"Die Nutznießer": Packende Uraufführung im DT in Göttingen

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Berichten von Boykott, Pogrom und Raub: Benedikt Kauff (von links), Katharina Uhland, Moritz Schulze, Frederik Schmid, Benjamin Kempf in „Die Nutznießer“.

Göttingen. Gesine Schmidts Auftragswerk „Die Nutznießer - ,Arisierung' in Göttingen" am Deutschen Theater verlangt den Zuschauern viel ab. Ein wichtiges Stück, ein packender Abend.

Göttingen. Das am Samstagabend im Deutschen Theater in Göttingen mit langem Beifall und vereinzelten Bravo-Rufen bedachte Auftragsstück „Die Nutznießer – ,Arisierung‘ in Göttingen“ ist zuallererst eine beeindruckende Rechercheleistung von Gesine Schmidt.

Die Autorin aus Berlin hat in Göttingen und Hannover in zahlreichen Archiven gegraben, Augenzeugenberichte gesichtet, amtliche Schriftstücke ans Licht gebracht, um anhand verschiedener Familienschicksale nachzuvollziehen, wie Diskriminierung, Ausgrenzung und Enteignung der Göttinger Juden abliefen. Ihre Montage der Stimmen von Zeitzeugen, von tausenden Seiten Gerichtsurteilen, Verordnungen, Behördenschreiben, Inventarlisten und Artikeln des „Göttinger Tageblatts“ ist ein beeindruckendes Textkonvolut, das einem nahe- und lange nachgeht.

Regisseur Marcus Lobbes hat mit Pia Maria Mackert (Bühne und Kostüme) eine Wand aus Lautsprechern auf die Bühne gestellt, die fünf Schauspieler agieren dicht an den Zuschauern, denen sie geradezu auf die Pelle rücken. Hier gibt es von Anfang an kein Entrinnen.

In ihren beigefarben-bräunlichen Blousons und Anzügen, die an Stasispitzel erinnern, alle mit ähnlichen Perücken, sehen Moritz Schulze, Katharina Uhland, Frederik Schmid, Benedikt Kauff und Benjamin Kempf aus wie Inbegriffe des angepassten, austauschbaren, profillosen Beamten, der jede Anweisung ohne zu zögern umsetzen würde. Mit Schutzhandschuhen ziehen sie Mappen und Leitz-Ordner zwischen den Boxen heraus und tragen eine Fülle von detailreichen Informationen, Daten und Namen vor, und das mit lauter Zeitsprüngen, so dass Darstellern wie Zuschauern viel Konzentration abverlangt wird.

Die Collage von Dokumenten der Stadtverwaltung und Kreisleitung der NSDAP, des Regierungspräsidiums, der Industrie- und Handelskammer und der Sparkasse, der Gestapo und anderer Polizeibehörden, des Finanzamts und vieler weiterer Quellen macht in erschütternder Genauigkeit begreifbar, wie sich (bis 1933) angesehene, wohlhabende jüdische Geschäftsleute nicht nur zum Auswandern gezwungen sahen oder deportiert, sondern um ihr Eigentum gebracht wurden, das abgepresst, gestohlen oder unter Wert abgekauft wurde. Und wie mühsam und unbeholfen der Versuch einer „Wiedergutmachung“ in Rückerstattungsverfahren war. Einmal benutzt das städtische Rechtsamt den absurden Begriff „freiwillige Zwangsarisierung“.

Mitunter wirken die Akten wie Belege für das Buch des Historikers Götz Aly, „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ (2011), der beschrieben hat, wie Anhänger der Nationalsozialisten ganz handfest von Vertreibung und Beraubung der Juden profitierten – bis zur Versteigerung von Geschirr, Wäsche, Teppichen, Büchern und Möbeln ihrer jüdischen Nachbarn, von Gold, Silber, Schmuck und Kunst ganz zu schweigen.

Wie groß waren die Spielräume des Einzelnen? Auch darüber lässt einen „Die Nutznießer“ nachdenken. Während des lange verharmlosend Reichskristallnacht genannten Pogroms vom 9. November 1938 flieht sich ein jüdisches Mädchen, zufällig zu Gast bei seinen Verwandten, einer Familie Löwenstein, deren Hausrat und Mobiliar gerade von einer Horde SA aus dem Fenster geworfen und angezündet wird, zu den Nachbarn, die für die Löwensteins, Inhaber einer Schlachterei und eines Fachgeschäfts für Fleischereibedarfsartikel, Därme und Gewürze, arbeiten. Die Nachbarn knallen dem Kind die Tür vor der Nase zu: „Ich kann dir doch nicht helfen, sonst nehmen sie uns auch noch mit. Geh hin, wo du hingehörst.“ Es war eben nicht ein „System“, das die Isolation der Juden betrieb, sondern es waren immer Menschen in konkreten Situationen, die handelten – oder eben abtauchten, wegsahen, sich verweigerten.

Hervorragend deutlich wird auch, wie bürokratisch, auch quasi pseudo-rechtlich, weil mit Mitteln des Rechts, aber eben völlig willkürlich, die Entrechtung vorangetrieben, die Enteignung abgewickelt wurde: Wenn der Kaufmann Max Raphael Hahn, der seine Auswanderung längst geregelt hatte, plötzlich mit einem neuen Gesetz konfrontiert wird, das dem Staat erlaubt, ihm noch weiteren Besitz abzujagen. Zu den beklemmendsten Passagen gehört ein antisemitischer Beitrag des „GT“ vom 10. Dezember 1939 über die angeblichen Devisenvergehen und Schmuggelversuche Hahns. Jedes „Jude“ oder „jüdisch“ brüllen die Schauspieler aggressiv und laut, die Gehirnwäsche der Propaganda wird so ganz anschaulich.

Viele Details sind furchtbar. Es bleibt beispielsweise haften, dass der Einkauf für Juden auf dem Göttinger Wochenmarkt auf eine halbe Stunde ab 11.30 Uhr beschränkt wurde, damit Arier nicht gemeinsam mit ihnen bei den Marktständen warten mussten. Eine Familie Wagner wurde unter Druck gesetzt, weil sie ins „Judenhaus“ Weender Landstraße 26 umziehen sollte: Ihr Mehrfamilienhaus sollte „judenrein“ werden. Arier hatten ein Auge auf die Wohnung geworfen. Die Wagners wurden später nach Riga deportiert und kamen dort um.

„Wir sind in die gleichen Schulen gegangen, haben mit Kollegen gearbeitet, haben die gleiche Sprache gesprochen, haben in gleichen Häusern gewohnt“, schaute der frühere Göttinger Max M. Hahn, 72, vier Jahrzehnte nach seiner Emigration zurück: „Das ist die Erschütterung, dass nach 120 Jahren völliger Eingliederung, so dass wir von Deutschen weder zu unterscheiden waren noch unterschieden werden wollten, das passieren konnte. Wir sind aufgewachsen: Deutsche kommen in drei Arten vor: katholisch, protestantisch und jüdisch, und innerhalb von 24 Stunden ist das alles verflogen. Da gab es überhaupt keinen Widerstand.“

Auch in einem journalistischen Text hätte Schmidt ihre Archivfunde zu Boykott und Ächtung, Hetze und Hass, Raub und Gewalt sinnvoll präsentieren können. Aber selbst wenn es in dem szenischen Text keine eigentliche Bühnenhandlung gibt, keine Dialoge – außer dass die Darsteller „Fragen“ und „Zwischenbemerkungen“ einschieben – sind die zwei Stunden, in denen sich die Lage der Göttinger Juden immer weiter zuspitzt und verschärft, in ihrer Intensität und Verdichtung eindrucksvoll.

Am Ende schiebt sich die Wand vor, Boxen stürzend krachend von der Bühne, die Schauspieler steigen hinab zum Publikum. Was hier verhandelt wird, Fragen nach Vorurteilen, Begehrlichkeiten und Profiten, Mut und Zivilcourage, geht uns alle an. Auch heute.

Wieder am 19.1., 8., 22.2., 10.3., 18.4., Tel. 0551/4969-11, www.dt-goettingen.de

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