Oasis-Bruder in Hochform: Das Solodebüt von Noel Gallagher

Das einstige Großmaul ist bescheiden geworden: Über sein Solodebüt sagt der einstige Oasis-Kopf Noel Gallagher, es sei ganz nett geworden. Foto: Watson

Das Wiedersehen mit alten Bekannten ist oft nicht unkompliziert. Was verbindet, sind Erinnerungen, was trennt, sind viele Jahre und neue Erlebnisse. Man hat viel gehört, nicht nur Gutes, und dann sitzt der ehemalige Weggefährte gegenüber auf der Couch, und man weiß nicht genau, was man sagen soll.

So ähnlich ist es auch mit der neuen CD von Noel Gallagher. Es gibt wohl niemanden, der nicht irgendeine sentimentale Erinnerung an seine Ex-Band Oasis hat - eine „Supersonic“-90er-Party oder einen verstohlenen „Wonderwall“-Kuss. Und jetzt kommt Noel mit seinem ersten Soloalbum zurück - zwei Jahre nach dem Bruch der dauerstreitenden Gallagher-Brüder - und es gibt gute Gründe, um skeptisch zu sein.

Doch schon beim ersten Hören der neuen Platte wird klar, dass der 44-Jährige mit „Noel Gallagher’s High Flying Birds“ unbedingt etwas klarstellen will: nämlich, wer bei Oasis für den ausgestreckten Mittelfinger und wer für das Schreiben guter Musik zuständig war. Während Bruder Liam mit seiner neuen Band Beady Eye unoriginellen Pöbelrock mit Beatles-Glasur lieferte, setzen Noel und seine Kollegen auf musikalische Raffinesse.

Mit Streichern, Bläsern und Chören - und mit Erfolg. Das Album enthält zehn außergewöhnlich gute und vielseitige Popstücke von einem Songschreiber, der sein Handwerk beherrscht. Schon die erste Single „The Death Of You And Me“ überzeugt mit hypnotischer Melodie und frisst sich auch ohne Oasis-Größenwahn in Herzen und Gehörgänge.

Keine Hymnen fürs Stadion

Überhaupt scheint der nun geschwisterlose Herr Gallagher seine Freiheit zu genießen und klingt entspannt wie selten. „What A Life“ - was ein Leben - singt er euphorisch im gleichnamigen Stück. Einen Tiger will er darin reiten, aber dann will er auch wieder nach Hause kommen, wo seine zweite Ehefrau und zwei Söhne warten.

17 Jahre nach seinem Durchbruch schreibt Noel Gallagher keine Hymnen mehr, bei denen sich ganze Fußballstadien in den Armen liegen. Aber er schreibt zeitlos schöne Balladen wie „If I Had A Gun“, ein angenehm gereifter großer Bruder von „Wonderwall“. Und auch seine Stimme, mit der er bisher meist Schmetter-Refrains um die Welt schickte, hat an Facetten gewonnen. Er schmeichelt und falsettiert, und fast hätte man überhört, dass sich mit „I Wanna Live In A Dream (In My Record Machine)“ und „Stop The Clocks“ zwei alte Oasis-Raritäten aufs Album geschlichen haben.

Die englische Presse vergleicht Noel Gallagher’s High Flying Birds schon mit „Morning Glory“, dem Oasis-Album, das den Manchester-Flegeln 1995 die musikalische Weltherrschaft sicherte. Das ist ein wenig vermessen, denn für den Soundtrack eines Lebensgefühls ist das Solowerk dann doch zu bodenständig. Doch es ist wie mit den alten Bekannten, die sich zwar verändert haben, die man aber trotzdem gern nach Hause einlädt.

Noel Gallagher: Noel Gallagher’s High Flying Birds (Sour Mash/Indigo). Wertung: vier von fünf Sternen

Von Saskia Trebing

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