Urwitzige Unterhaltungskunst

Odyssee auf dem Land: Wladimir Kaminer beim Sommer im Park

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Seine Auftritte sind mehr Comedy und Kabarett als Lesung: Wladimir Kaminer in Vellmar.

Vellmar. Spätestens seit seinen Erzählbänden „Militärmusik“ und „Russendisko“ zählt Wladimir Kaminer zu den gefragtesten Autoren real-satirischer Schreibkunst.

Am Sonntag gastierte der in Russland geborene und seit 1990 in Berlin lebende Schriftsteller beim Festival Sommer im Park in Vellmar, um sein Werk „Diesseits von Eden - Neues aus dem Garten“ vorzustellen.

430 Besucher waren gekommen, um sich das nicht entgehen zu lassen. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Kaminer live noch amüsanter ist, als es seine Texte sind. Ein Ruf, den der 46-jährige auch an diesem Abend bestätigte.

Es eine Lesung zu nennen, wäre untertrieben. So urig witzig, so pointensicher, wie Kaminer seine Texte las und kommentierte, das war eine herrliche Mischung aus Kabarett und Comedy. Das Zwerchfell hatte viel zu tun. Auch weil seine Aussprache eben die eines in Russland Geborenen ist. Eine Nuance, die seinen Live-Auftritten eine weitere humorvolle Note gibt.

Die Handlung von „Diesseits von Eden“? Ausgangspunkt für seine aktuelle Odyssee zwischen Landleben, deutscher Ordnungsborniertheit und „russischer Grimmigkeit“ ist ein Rauswurf. Weil „deutsche Schrebergärten alle gleich aussehen müssen“, ihm aber der Sinn nach „spontaner Vegetation“ steht, müssen Kaminer und seine Frau ihren räumen.

Ersatz und damit reichlich realsatirische Nahrung für allerlei abstruse Charaktere und Geschichten findet er in „Glücklitz“, einem verschlafenen Dorf in Brandenburg. „300 Bewohner hat das Dorf -gefühlte drei.“ Der eine hat Angst, man könne „bei ihm Elefanten abgeben“, der andere lässt seine Hühner Nachtschicht schieben, und der Dritte ist Schlüsselwart vom Haus des Gastes, das fast nie geöffnet hat.

Tja, und eine Disko möchte Kaminer auch hier aufmachen, dazu Russen einladen, weil er „Angst hat, „die in Brandenburg wollen nicht tanzen“. Bleibt nur zu klären: Warum fliegen „Doof-Torpedokäfer“ immer gegen Mauern und warum „sehen Russen eigentlich immer so grimmig aus“? Kaminer blieb die Antworten nicht schuldig. Viel Applaus für diese urwitzige Unterhaltungskunst.

Sommer im Park Mittwoch, 20 Uhr: Das Tic Theater Kassel spielt „El Dorado - Das vordere Westernmusical“. Mittwoch, 20 Uhr, Gustav Peter Wöhler Band.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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