„Ohne Dunkelheit kein Licht“

Interview: Christiane Wagner über die Todesstrafe und Christian Wulff

Berichtet bei der Dinner-Lesung im Sepulkralmuseum über den Alltag des Tötens: Christiane Wagner als Scharfrichtergattin. Foto: nh

Zur Dinner-Lesung „Das letzte Ma(h)l - Die Scharfrichtergattinnen erzählen ...“ lädt das Autoren- und Journalistentrio Dr. Jutta Failing, Christiane und Christian Wagner für Samstag, 19 Uhr, ins Museum für Sepulkralkultur in Kassel ein. Wir sprachen vorab mit Christiane Wagner.

Der „schaurig-spannende Abend“, bei dem Henker und Scharfrichtergattinnen aus ihrem Alltag um 1800 plaudern, gehört zum Programm der Ausstellung „Galgen, Rad und Scheiterhaufen“.  Christiane Wagner hat gemeinsam mit Wolfgang Bauer im Buch „Der Henker in uns“ über die Lust am Bösen und am Töten geschrieben.

Man verlässt das Sepulkralmuseum nach der aktuellen Ausstellung beklommen - kann man über solch düstere Themen wie Hinrichtungen beim Henkersmahl, also am Buffet, wirklich munter plaudern?

Christiane Wagner: Natürlich. Es gibt immer zwei Seiten. Hinrichtung ist niemals lustig, logisch. Aber es gibt eben auch den berühmten Galgenhumor, und auch indem man sich diesem Thema anders nähert, kann man es nahebringen. Die Leute lachen auch nicht ständig. Wir rufen genauso Schrecken und Entsetzen hervor, indem wir in der lässigen Atmosphäre historisch belegte Tatsachen einbinden. Gerade die Scharfrichtergattin war ja für die Verwertung der Leichen zuständig, sie verarbeitete Knochen und Menschenfett. Natürlich ist das aus unserer Sicht brutal. Da kommt schon die Botschaft an, wie grausam das war.

Woher stammen Ihre Quellen?

Wagner: Aus vielen antiquarischen Büchern. Ich habe etwa in den Tagebüchern des Henkers von Paris während der Revolution gelesen. Er hat sehr unter seinem Amt gelitten, als es zu blutigen Fließband-Hinrichtungen kam. Das ist auch nachvollziehbar. Die Henker waren ja nicht nur rohe Klötze. Eine wichtige Quelle war auch eine Ausstellung „Schuld und Sühne“ zu Mord und Todesstrafe in der Kunst im Musée d’Orsay in Paris.

Woher rührt denn ganz persönlich Ihr Interesse an diesem grausamen Thema?

Wagner: Für mich gilt die Devise: Ohne Dunkelheit gibt es kein Licht. Insofern interessiert mich die dunkle Seite des Lebens. Ich habe fürs Radio viel gemacht über Spukphänomene, Geistheilungen, über Mythen des Brauchtums wie den Werwolf und die „Weiße Frau“. So endete ich gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Jutta Failing an Galgenplätzen.

Auf Ihrer Webseite heißt es: „Ein Henker lauert in jedem von uns.“ Woher kommt dieses Böse in uns?

Wagner: Das zu ergründen, daran haben sich so viele die Zähne ausgebissen. Ich bin keine Psychologin, das kann ich Ihnen nicht erklären. Aber mir begegnet auch im Alltag oft, dass ein niedlicher, kleiner Henker in uns steckt. Man muss gar nicht gleich morden. Beim zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff wird zurzeit auch beobachtet, ob es ihm gelingt, „den Kopf aus der Schlinge zu ziehen“, oder ob er - metaphorisch gesprochen - „einen Kopf kürzer gemacht“ wird. Genauso war es bei zu Guttenberg und Kachelmann, deren „Kopf gefordert“ wurde.

Hinrichtungen zogen früher Tausende an, waren Massenspektakel. Bricht sich das heute im Internet Bahn?

Wagner: Mit Sicherheit.

Sind die „shitstorms“, also die blitzschnellen, bösartigen Internet-Reaktionen, so eine Art virtueller Ersatz?

Wagner: Es gibt jetzt den Pranger im Internet. Auch beim Überführen prominenter „Delinquenten“ hat das Internet eine riesige Rolle gespielt, wenn wir bei zu Guttenberg an die Zitate seiner Doktorarbeit denken. Da gab es eine Internet-Gemeinde, die gesagt hat: Aufs Schafott mit ihm. Ich glaube, auch heute würde, wenn es öffentliche Hinrichtungen gäbe, mancher hingehen.

Würde es für die Todesstrafe denn eine Mehrheit geben?

Wagner: Nein, in unserem Europa niemals. Woanders gibt es sie ja in schlimmer Form. Aber ich glaube, dass Hinrichtungen ersatzweise vollzogen werden, im Netz, aber auch wenn im Fernsehen Menschen vorgeführt werden. Vor der unglaublichen Brutalität des letzten Schritts würden die Menschen aber zurückschrecken.

In Texas denken die meisten Menschen anders.

Wagner: Was ich erschreckend finde. Mir ist es so gegangen, dass ich beim ersten Buch „Galgen und Scharfrichter in Hessen“, für das ich viele Fakten zusammengetragen habe, noch viel Distanz hatte. Inzwischen geht mir die Beschäftigung mit dem Thema immer mehr an die Nieren. Wenn die Leute wirklich erfahren, wie grausam die Todesstrafe ist, könnte das ein Schritt dazu sein, dass sie bei uns wirklich nie mehr vollzogen wird.

Wolfgang Bauer, Christiane Wagner: Der Henker in uns. Auf den Spuren des Grauens. AT Verlag, 230 S., 19,90 Euro. www.der-henker-in-uns.de

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.