Tim Fischer überzeugt in seinem Hildegard-Knef-Programm mit leisen Tönen

Ohne Pomp und Pathos

Puristisch: Tim Fischer, hinten Rüdiger Mühleisen. Foto: Schoelzchen

Kassel. Lauter kleine Kostbarkeiten. Vielleicht ein wenig angestaubt in all den Jahren, weil so selten gehört und zum Klingen gebracht. Da brauchte es einen Tim Fischer, der die Lieder der als Alltagspoetin noch nicht angemessen gewürdigten Hildegard Knef hervorgeholt, arrangiert und intoniert hat. Eine Hommage des 38-Jährigen an die schillernde Persönlichkeit, die im Dezember 86 wäre und an Fischers Interpretationen wohl ihre helle Freude hätte.

Wie auch das treue Publikum im Kasseler Schauspielhaus, das sich der schrille Perfektionist mit den Jahren erobert hat. Der Balance-Akt zwischen der Diva mit dem unverwechselbaren Parlando und der lasziven Chanson-Diva Tim Fischer ist genau austariert. Er lässt alles Schmückende und Überbordende weg: Sparsamkeit und Purismus in Bewegungen, Kleidung und Intonation, dafür leise Phrasierungen, die zum Zuhören zwingen. Manchmal ist es nur eine kleine Bewegung mit der Hand, manchmal eine scharf ausgestoßene Wortendung, auf die es hier ankommt - eine Knef-Fischer-Show der leisen Töne.

„Ich brauch Tapetenwechsel, sprach die Birke, und macht sich in der Dämmerung auf den Weg.“ Dass sie als Kommode endet und sich nach den Zeiten im Birkenhain zurücksehnt, ist eine zutiefst menschliche Pointe, wie so oft bei „Frau Knef“. So nennt sie Tim Fischer respektvoll, so nähert er sich ihr an. Erst ganz in Schwarz, dann ganz in Weiß, ohne Hut und Perücke, nichts da, was ablenkt. Puristisch und schnörkellos, ohne Pomp und Federboa, ohne Pathos wie beim Zarah-Leander-Programm oder Polemik wie bei Georg Kreisler ist es ein gebändigter und zurückgenommener Tim Fischer, einer, dem man vor allem zuhört, weil er diesen großartigen Knef-Liedern die Bühne freimacht.

Das unterstreicht die Instrumentierung: Rüdiger Mühleisen am Flügel, Cellist Sebastian Selke sowie Ralf Templin an der Gitarre umrahmen diese mal tragischen, mal komischen, meist aber tragikomischen Chansons so subtil wie beschwingt. Ein fast versonnener Abend, passend zur Stimmung. „‘s wird Herbst da draußen, auch in mir“, „Das Glück kennt nur Minuten, der Rest ist Wartesaal“, „Ich bin zu müde, um schlafen zu gehn“ - Texte voll lakonischer, berührender Melancholie.

Aber auch mit Wortwitz und Berliner Schnoddrigkeit. „Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen, und dein Mund ist viel zu groß“ - die Knef’sche Liebeserklärung an ihre Stadt hat nichts von ihrem Charme verloren, und das Publikum wollte den ebenso charmanten Chansonnier gar nicht gehen lassen. Für Hildegard Knef sollte es ja bekanntlich rote Rosen regnen. Eine davon gehört jetzt Tim Fischer.

Von Ullrich Riedler

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