Im „ohnvergleichlichen Italien“: Doktorarbeit über Landgraf Karls Reise

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Dr. Irmtraud Baier

Kassel. „Ich verstehe Landgraf Karl gut“, sagt Dr. Irmtraud Baier. Genau vor 311 Jahren, am 5. Dezember 1699, brach der hessische Landesherr für vier Monate ins wärmere Italien auf. Er reiste allerdings nicht, um dem hereinbrechenden Winter zu entfliehen.

Der Grund war ein anderer: Die Bewunderung für Italien bedeutete „die Heraufbeschwörung einer idealen ,Antike‘“, wie es die Kunsthistorikerin in ihrer Dissertation schreibt. Die Antike galt den Zeitgenossen um 1700 als alleingültiger Maßstab.

Und Landgraf Karl (1654 - 1730), der inkognito und ohne die üblichen Kontakte zu Angehörigen seines Standes unterwegs war, kehrte mit reichhaltigen Eindrücken aus Verona und Venedig, Ravenna, Rom und Neapel zurück. Sie bildeten die Grundlage vieler seiner „italienischen“ Bauvorhaben: der Anlage des Karlsbergs (der heutigen Wilhelmshöhe) mit den Kaskaden und dem kolossalen Herkules nach dem Vorbild des Herkules Farnese (heute in Neapel) sowie der Karlsaue.

Dr. Irmtraud Baier

Irmtraud Baier hat die Reise des Landgrafen anhand der Quellen nachvollzogen. Sie stützt sich auf Funde in den Archiven und vergleicht sie mit dem 20 Jahre später von ihm veranlassten, 1722 publizierten Reisebericht „Diarium italicum“ von Johann Balthasar Klaute. Baier beschreibt, wie Karls Vorstellung von italienischer Kultur geprägt und gefestigt wurde, wie sie seine Kunstpolitik beeinflusste, wie Kunst den Hof konkurrenzfähig machen, dessen Ansehen und Ambitionen ausdrücken sollte, wie auch der Reisebericht „als Medium der Herrscherrepräsentation zu lesen war“.

Baiers Doktorarbeit ist jetzt als Buch erhältlich. Erschienen ist sie in einer Forschungsreihe, die der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde herausgibt. Er hat Baier seinen Georg-Lan-dau-Preis verliehen - auch der Museumsverein Kassel hatte die Dissertation schon ausgezeichnet - und den Druck ebenso finanziell gefördert wie der Verein „Bürger für das Welterbe“. Baiers Forschungen nämlich untermauern den Kasseler Antrag auf Aufnahme in die Unesco-Welterbe-Liste. Die Kunsthistorikerin hat auch daran mitgearbeitet, die Welterbe-Bewerbung des Landes zu formulieren.

Bei der Buch-Präsentation im Museum Schloss Wilhelmshöhe dankte Baier allen, die das Buch möglich gemacht haben, darunter der akribischen Grafikerin Ursula Steinhoff. Sie habe das Buch so edel gestaltet, „es hat mich verblüfft, dass ich das alles geschrieben haben soll“.

Irmtraud Baier: „Ohnvergleichliches Italien“. Italienreise, Italienbild und Italienrezeption um 1700 am Beispiel des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel. Hessische Forschungen zur geschichtlichen Landes- und Volkskunde, Band 53, 388 S., 27 Euro.

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