Konzert mit 1600 Zuhörern

Sex für die Ohren: Kassels Pop-Duo Milky Chance in Berlin

Milky Chance in Berlin: Sänger Clemens Rehbein punktete mit sympathisch verstrubbelter Schüchternheit beim Publikum. Fotos: Trebing

Berlin. Joan aus Potsdam mag eigentlich Elektro. Aber ihr Sommer 2013 hatte einen anderen Klang. „Ein paar der besten Momente habe ich mit Milky Chance erlebt“, sagt die 28-Jährige, während auf der Bühne die Gitarren verkabelt werden. „Diese Stimme, das ist doch Sex für die Ohren.“

Auch deshalb hat sich Joan mit 1600 anderen Zuhörern im Astra-Kulturhaus in Berlin eingefunden. Dort spielte das Kasseler Pop-Duo ein seit Wochen ausverkauftes Konzert – und bewies damit, dass der Hype des vorigen Sommers noch lange nicht vorbei ist.

Im Vorfeld des Auftritts hatten Clemens Rehbein und Philipp Dausch sogar schon vor gefälschten Tickets gewarnt. „Fallt nicht auf die Ganoven rein“, rieten die beiden bei Facebook. So viel Fürsorge und Höflichkeit ist man in Friedrichshain nach Einbruch der Dunkelheit gar nicht gewohnt.

Auch zu Beginn des Konzerts entschuldigt sich Clemens Rehbein (21) erst mal formvollendet für seine angeschlagene Stimme. Nicht für die Mischung aus Sägeblättern, klarem Alkohol und Frosch im Hals, die ihn bekannt gemacht hat. Es sind hartnäckige Erkältungsviren, die schon ein Konzert in Hamburg auf dem Gewissen haben und die die beiden Musiker auch in Berlin noch ärgern. „Wir spielen so lange wir können“, verspricht Rehbein nach dem zweiten Stück. Für alle Fälle hat er sich einen Stuhl auf die Bühne gestellt, aber für 90 gut gelaunte Minuten reichen Stimme und Stehvermögen dann schließlich doch.

Joan aus Potsdam erinnert sich an Draußen-Festivals am Meer, wenn sie die Songs des Debüts „Sadneccessary“ hört. Und obwohl die federnden Rhythmen nur entfernt mit elektronischer Tanzmusik zu tun haben, passt das Bild der Freiluftparty. Die Bewegung im jungen Publikum ist eher ein entspanntes Nicken als ein ekstatisches Geschüttel. Auch das Tempo des Konzerts ändert sich nur marginal – einmal eingewippt hält der Takt ganze eineinhalb Stunden.

Wer von Chartstürmern eine stürmische Show erwartet, wird von Milky Chance zum Umdenken gezwungen. Rehbeins Kommunikation beschränkt sich auf „Danke“ und „Können wir ein bisschen Licht haben?“ und Dausch thront scheinbar im Zen-Stadium hinter seinem Mischpultpodest.

Doch das Schweigen der beiden Kasseler ist so weit entfernt von der kalkulierten Kälte anderer Bands, dass die Menge es als sympathisch verstrubbelte Schüchternheit wertet. Rehbein lächelt ein wenig ungläubig ins Publikum und hat seine kaputten Schuhe mit Klebeband geflickt. Beim Hit „Stolen Dance“ bekommt das Konzert dann doch noch Herzklopfen und wedelnde Arme.

Es sieht so aus als könnte das Milky-Chance-Gefühl einen weiteren Sommer prägen – bis das Duo im August einen noch größeren Berlin-Auftritt in der Zitadelle Spandau hat.

Von Saskia Trebing

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