Wegen Krebserkrankung gab er 2018 sein Amt in München auf

Er brachte die Kunstwelt nach Kassel: Ex-documenta-Leiter Okwui Enwezor (55) tot

+
Starb mit nur 55 Jahren: Der ehemalige documenta-Leiter Okwui Enwezor.

Mit der documenta11 setzte sich Okwui Enwezor 2002 in Kassel ein Denkmal. Nun ist der Kurator gestorben. Er wurde nur 55 Jahre alt. Kassel und die Kunstwelt trauern.

Aktualisiert am 15. März um 16 Uhr - Okwui Enwezor ist tot. Der künstlerische Leiter der Documenta11 im Jahr 2002 erlag mit nur 55 Jahren der Krebserkrankung, aufgrund derer er im vergangenen Juni sein Amt als Direktor des Hauses der Kunst in München niedergelegt hatte.

Der am 23. Oktober 1963 in Calabar (Nigeria) geborene Enwezor, der in New York Politikwissenschaften studiert hatte und über seine Leidenschaft für Lyrik eher zufällig zur Kunst gekommen war, hatte früh Karriere gemacht.

Er galt als einer der weltweit wichtigsten Kuratoren: Die Venedig-Biennale, neben der documenta wichtigste Ausstellung von Gegenwartskunst, hat er – im Jahr 2015 – ebenso geleitet wie die Weltkunstschau in Kassel.

Der documenta eröffnete er Anfang des Jahrtausends neue Perspektiven, indem er die Ausstellung für so viele Künstler aus nicht-westlichen Kulturkreisen öffnete wie kein künstlerischer Leiter vor ihm – der Dialog mit Kunst aus Afrika, Asien und Lateinamerika etwa von Yinka Shonibare, Georges Adéagbo und Shirin Neshat prägte seine Ausstellung.

Enwezor hatte, ehe er nach Kassel kam, unter anderem eine Zeitschrift als Forum für afroamerikanische Kunst gegründet, 1996 die große Ausstellung „African Photographers, 1940 – Present“ im Guggenheim-Museum in New York konzipiert und 1997 die zweite Johannesburg-Biennale kuratiert. Sie trug den Titel „Handelswege: Geschichte und Geographie“ und beschäftigte sich bereits mit Migrationsströmen und Warenverkehr – Themen, die auch seine Globalisierungsdocumenta prägten.

Okwui Enwezors documenta

Seine Kasseler Ausstellung – mit einem Etat von 18 Mio. Euro und 651 000 Besuchern – verstand Enwezor als letzte von fünf „Plattformen“. Mit seinen internationalen Ko-Kuratoren hatte er ein Jahr lang Symposien zu Themen wie Demokratie, Recht und „Créolité und Kreolisierung“ vorgeschaltet. Sie fanden in Wien, Berlin, Neu-Delhi, auf der Karibik-Insel St. Lucia sowie in Lagos (Nigeria) statt.

Als 2009 d13-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev alle documenta-Leiter in ihr Museum Castello di Rivoli bei Turin einlud, zeigte Enwezor in seinem Vortrag Fotos der leeren Binding-Brauerei, nachdem alle Kunstwerke leergeräumt waren: „Das Gespenstische gehört zur documenta dazu.“ Obwohl er betonte, „wir wollten keine Werke, die man beim ersten Mal verdauen kann, und keine einfachen Erläuterungen“, ist seine Ausstellung mit ihrem Schwerpunkt auf Fotografie und Filmen nicht als besonders sperrig und unzugänglich in Erinnerung geblieben. Die Kabinette in der ehemaligen Brauerei, von der Innenstadt per Boot erreichbar, boten besonders für großzügige, eindrucksvolle Videoinstallationen Platz.

Enwezor war Inbegriff eines weltläufigen, eleganten Kurators. In München, wo er 2011 begann, bekam sein Renommee allerdings Kratzer. Er hatte vorher kein großes Ausstellungshaus kontinuierlich betreut, und am Haus der Kunst erlebte er turbulente Jahre. Massive Geldprobleme, die Nähe zu Scientology und Fälle sexueller Belästigung unter Angestellten machten Schlagzeilen. Enwezor bekam einen kaufmännischen Geschäftsführer an die Seite gestellt.

Es war ein unrühmlicher Abschied: Im „Spiegel“ sagte Enwezor, er habe das Gefühl gehabt, in München nicht mehr erwünscht gewesen zu sein. In Kassel indes blieb Enwezor ein gern gesehener, regelmäßiger Gast. Sein früher Tod löst große Erschütterung und Trauer aus.

Lesen Sie auch: Die neuen documenta-Leiter: Jetzt dürfen sie endlich reden

Ex-documenta-Leiter Okwui Enwezor ist gestorben

okwui enwezor vor dem plakat der documenta 11, 
Der Ex-documenta-Leiter Okwui Enwezor ist im Alter von 55 Jahren gestorben. Er war künstlerischer Leiter der documenta 11. © Lothar Koch / Archiv 
Der Ex-documenta-Leiter Okwui Enwezor ist im Alter von 55 Jahren gestorben. Er war künstlerischer Leiter der documenta 11. © Andreas Gebert/ dpa-avis
ARCHIV - ARCHIV - 31.01.2013, Bayern, München - Der Direktor des Hauses der Kunst in München, Okwui Enwezor, spricht während eines Presserundgangs in der Ausstellung "Kendell Geers 1988-2012". Das Haus der Kunst in München gilt über die Grenzen Deutschlands hinaus als eine der wichtigsten Ausstellungsstätten für Moderne Kunst. (zu dpa "Neubeginn nach Turbulenzen: Haus der Kunst hofft auf ruhigere Zeiten" vom 01.02.2018) Foto: Andreas Gebert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Der Ex-documenta-Leiter Okwui Enwezor ist im Alter von 55 Jahren gestorben. Er war künstlerischer Leiter der documenta 11. © Andreas Gebert / dpa
Okwui Enwezor, d11fotohein
Der Ex-documenta-Leiter Okwui Enwezor ist im Alter von 55 Jahren gestorben. Er war künstlerischer Leiter der documenta 11. © Hein
Hessischer Kulturpreis wird an alle Künstlerischen Leiter der documenta verliehen, Alte Brüderkirche, v.l. Roger M. Buergel, Catherine David, A. R. Nele, Bouffier, Witwe Szeemann, Witwe Hout, Manfred Schneckenburger, Rudi Fuchs, Okwui Enwezor, Caroline Christow Bakargiew, fotokochFoto:Koch
Der Ex-documenta-Leiter Okwui Enwezor ist im Alter von 55 Jahren gestorben. Er wurde mit dem Hessischen Kulturpreis 2015 ausgezeichnet. © Koch
Zu 60 Jahre Documenta, Documenta Halle am 18.07.2015: Symposium, documenta 1997-2017, erweiterte Denkkollektive. Im Bild: documenta 14, Few Notes from an Extellectual. Mit: Adam Szymczyk, Carmen Amor (Sängerin, Flamenco), Hiwa K. (Gitarre).Im Bild v.l.: Ehemalige documenta Leiter: Catherine David (dX), Okwui Enwezor (D11).Vortrag, Musik, documentahalle, Documentahalle, Kunst, Geburtstagsfest.Bildmotiv von Pia Malmus, Foto
Der Ex-documenta-Leiter Okwui Enwezor ist im Alter von 55 Jahren gestorben. Er war künstlerischer Leiter der documenta 11. © Pia Malmus

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.