Oliver Pocher zeigt die Abgründe des Normalen

Spontaneität ist sein Schwert: Oliver Pocher mit den Tänzerinnen der Kasseler Gruppe Rockets. Foto: Malmus

Kassel. Ein Satz, der sich oberflächlich betrachtet als Charakterisierung seines aktuellen Bühnenprogramms „Nichts als die Wahrheit“ bestens zu eignen scheint, nuschelte Comedian Oliver Pocher nur so beiläufig in den voll besetzten Blauen Saal der Kasseler Stadthalle: „Scheißegal. Hauptsache, wir haben Spaß dabei.“

Zumindest die junge Frau, deren Facebook-Seite er auf der Bühne an einem Laptop mit frivolen Angeboten an ihre Freunde fütterte, wird sich dies gedacht haben. Doch Vorsicht. Hinter all dem pubertären Gezappel, den dreisten Unverschämtheiten und den sinnfreien Blödel-attacken steckt ein wacher Geist, der auf eine sehr unterhaltsame Art und Weise die deutsche Wirklichkeit reflektiert.

Privatfernsehen, Waldorfschule, Frauenhandtaschen - es sind immer wieder die gleichen Themen, die sich die Spaßmacher der Nation auf die Agenda schreiben. Pocher geht da rigoros brachial zur Sache, und das im permanenten Nahkampf mit dem Publikum. Damit wird jede Show zum Unikat, denn die Reaktionen der Menschen sind nur begrenzt kalkulierbar. Zwei Schülerinnen der Johann-Amos-Comenius-Schule, die in der Tanzgruppe Rockets den Abend eröffneten, bekannten sich demonstrativ zu ihrer Unwissenheit, wer denn der Namensgeber ihrer Bildungsanstalt eigentlich war. Eine Blondine bestätigte ungefragt ihr Naivitäts-Image, in dem sie gickelte und feixte, als müsse man dieses Vorurteil als Tatsache beweisen. Und dass in den Bierzelten des Münchner Oktoberfestes Urlaute ausreichen, damit sich Männer untereinander kennenlernen, zeigte Pocher per Videobeweis auf einer Leinwand.

Privatsphäre ist sein Schlachtfeld, Spontaneität sein Schwert und seine Rüstung. Damit reitet er durch die Abgründe der zur Normalität degenerierten Absurditäten und holt sich dabei auch schon mal eine blutige Nase. Doch Pocher ist der blonde, nette Schwiegersohn-Typ, der einem lächelnd auf die Füße tritt und dem man trotzdem noch gern ein Bier spendieren würde. Großer Applaus.

Von Andreas Köthe

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