Festival

Open Flair in Eschwege: Mit wildem Herzen gegen Rechts

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In Bewegung: Felix Brummer von Kraftklub. 

Eschwege. 20.000 Musikfans haben in den vergangenen Tagen beim ausverkauften Open Flair in Eschwege gefeiert. Wir fassen die wichtigsten Auftritte auf den zahlreichen Bühnen zusammen. 

Mit wenigstens zwei Vorurteilen hat das Eschweger Open Flair-Festival am Freitag und Samstag kräftig aufgeräumt: Gerade populärer Musik, die die Massen erreicht, wird immer wieder vorgeworfen, nicht – oder nur halbherzig – Stellung zu beziehen. Anders war das beim Open Flair – auch bei den Hauptacts. Und: Punk ist nicht tot, wie vielfach noch 2016, zu dessen 40. Geburtstag geschrieben wurde. Das Open Flair hat gezeigt, es steckt noch viel Punk im Punk. Mehr noch, jede Stilrichtung, die es bei dem Festival zu hören gab, hat das Zeug dazu, mehr zu sein als Musik – eine Lebenseinstellung. Drei Beispiele:

Feine Sahne Fischfilet

„Leute, wir haben geglaubt, der Veranstalter will uns dissen“, schreit Jan „Monchi“ Gorkow in sein Mikrofon. Es ist kurz vor 2 Uhr am Sonntag und hinter der Punkband aus der Provinz in Mecklenburg-Vorpommern liegen ein Gastauftritt auf der Hauptbühne mit den Rap-Kollegen Marteria und Casper und über eine Stunde Power-Punk, klare Ansagen gegen Rechts und alle Arten der Intoleranz sowie große Gefühle. Vor ihr stehen tausende Menschen, die, anders als befürchtet, auch noch beim spätesten Auftritt des Abends unbändige Lust haben, es krachen zu lassen.

Kämpferisch: Jan „Monchi“ Gorkow von Feine Sahne Fischfilet.

Der Frontmann, der kürzlich noch vor Gericht stand, weil er Flüchtlinge vor Neonazi-Angriffen beschützt hat (wurde freigesprochen), der von sich selbst sagt, nicht singen zu können und der gleich mal dem Publikum vor der Seebühne seinen nackten Hintern und seine dicke Plauze zeigt, scheint vor kaum etwas zurückzuschrecken – auch nicht vor Pathos. Und so gibt es nicht nur die Songs vom aktuellen Album „Sturm und Dreck“ von der gut gelaunten, mitteilungsbedürftigen und (nach eigenem Bekunden) gut betankten Punkrockband, sondern auch viele gefühlige Momente. Die scheinen von den Fans, die vor der Bühne und bis hin zum letzten Bierstand zur sonst lauten, schnellen und zum Mitgrölen geeigneten Musik – für den Ska-Touch sorgen zwei Trompeter – springen und pogen, nur so aufgesaugt zu werden.

Das alles rührt den mächtigen, unbequemen Frontmann mit dem wilden Herzen. Stärkster Moment: „Angst frisst Seele auf“ haben sie der Linken-Politikerin Katharina König-Preuss gewidmet. Wegen ihres Engagements gegen Nazis hatte eine Skin-Band einen Song komponiert, in dem ihre Tötung geschildert wird. Plötzlich holt Gorkow König-Preuss auf die Bühne. Sie singen und tanzen zu Sätzen wie „Wenn alle mutlos sind, halten wir uns fest“. Feine Sahne Fischfilet steht für konsequente Haltung gegen Rechts (inklusive Pöbelei gegen die eigenen Fans, die bei Konzerten applaudieren, „aber sonst die Fresse halten“) und Auftritte, die zünden: mit brennenden Bengalos vor und auf der Bühne. Selten hat der Titel einer Tour so gepasst: „Alles auf Rausch“.

Kraftklub

Die Auftritte von Kraftklub sind an Energie kaum zu überbieten: Sie liefern großen und doch kompakten Sound. Sind zum vierten Mal beim Open Flair, haben sich hochgespielt, stehen am Freitagabend auf der Hauptbühne. Es schimmern die Gitarren, die wunderbaren Bassläufe hat man noch Stunden später im Ohr. Kraftklub liefern mit „Scheissindiedisco“ und „Songs für Liam“ packende, opulente Live-Momente mit über 30 Tänzerinnen, einem Felix Brummer, der immer in Bewegung ist, dann unvermittelt und zielgenau Sozialkritik übt. Die Show ist trotz einiger abgegriffener Gesten unglaublich gut. Der Frontmann fühlt das, wirbelt mit den Armen und heizt die Stimmung weiter an. Belohnt wird das mit Moshpits und Bierduschen: völlige Eskalation und eine große Festival-Feier aus Indie, Punkrock, Rap – und Haltung.

Wuchtige Show: Marteria.

Marteria

Wenn Feine Sahne Fischfilet am Samstag so etwas wie die bauchgetriebene Band des Flairs war, dann ist Marteria der kopfgetriebene Hauptact – ohne dabei einen Gang runterzuschalten und an Leichtigkeit zu verlieren. Der Rapper ist wuchtig, authentisch und kämpferisch („Für eine offene Welt. Scheiß auf Rassismus, scheiß auf Homophobie“). Er hat Hits wie „El Presidente“, „Beam mich hoch“ und „Das Geld muss weg“ dabei und – große Überraschung – als Gäste Casper (ihr gemeinsames Album „1982“ erscheint am 31. August) sowie Feine Sahne Fischfilet. Der große Platz vor der Hauptbühne besteht über eine Stunde aus einer zum abwechslungsreichen Sound mit hohen Popanteilen springenden und singenden Masse.

Das Open Flair ist kräftig gewachsen, aber nach wie vor ein Festival mit Flair: Eben auch, weil es Musiker präsentiert, die den Blick in eine Welt öffnen, in der andere Gesetze herrschen. In der es nicht um Genres und Subkulturen geht, sondern um Musik – und Respekt.

Open Flair 2018: Das ist das Programm für den heutigen Sonntag

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