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Bravorufe für Start in Opernsaison: Frauenbilder in der Instagram-Welt

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Von: Bettina Fraschke

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Am Staatstheater Kassel stehen Iris Becher (vorne von links), Annett Kruschke und Annalena Haering mit Opernchor und Ensemble auf der Bühne bei der Aufführung von „Les Contes d‘ Hoffmann.
Kommentierend: Iris Becher (vorne von links), Annett Kruschke und Annalena Haering mit Opernchor und Ensemble. © Isabel Machado Rios

Claudia Bauer inszeniert, Mario Hartmuth leitet das Staatsorchester zur Saisoneröffnung im Kasseler Staatstheater. Mit viel Applaus, Bravorufen und einzelnen Buhs ist im fast vollbesetzten Opernhaus die Story um den zergrübelten Dichter gefeiert worden, der von Liebeslust und Liebesfrust in seiner künstlerischen Genialität gehemmt wird und von der Muse wieder auf den rechten Weg in die Kreativwirtschaft gebracht werden soll.

Kassel - Die Sprechenden haben gegenüber den Singenden das letzte Wort: „Es ist von Gewicht, welche Konzepte wir über Figuren denken“, sagen drei Schauspielerinnen am Ende. Wie ein antiker Chor mischen sich Iris Becher, Annalena Haering und Annett Kruschke immer wieder mit synchron gesprochenen Kommentaren oder auch mit Dada-Gaga-Texten ins Geschehen ein. Eine Reflexionsebene, die das Nachdenken über Frauenbilder in Jacques Offenbachs Opéra fantastique „Les Contes d’ Hoffmann“ verstärkt. Das Ganze in einer roh zusammengezimmerten Bar, aus der heraus die Fantasiewelten entstehen (Bühne: Andreas Auerbach).

„This is not a Love Song“ beteuern die Schauspiel-Ladys mit einem Punksong. Immer wieder wird der musikalische Flow unterbrochen durch ihre Sprech-Elemente, teils schwer verständlich, teils im angesagten Gender-Duktus unoriginell, teils schlau kommentierend, aber im Falle von Hoffmanns Parade-Arie „Kleinzack“ mit dem melancholischen Abdriften des Dichters in seine Liebesträume auch ziemlich rüde und gerade an dieser Stelle inhaltlich unmotiviert.

Aldo di Toro in der Titelpartie wird gefeiert für seinen großen schauspielerischen Ausdruck zwischen Verzweiflung und Liebesflehen, vor allem aber auch für die sängerische Kraft seines facettenreichen, warm grundierten Tenors. Ihm zur Seite steht die wunderbare Maren Engelhardt als Muse/Niklaus mit elegantem Mezzosopran.

Eindrucksvoll gestaltet Judith Spießer alle drei Rollen der von Hoffmann begehrten Frauen: als Automat Olympia mit souveränen Koloraturen, als zerbrechliches, vom Vater gegängeltes Wesen Antonia in der Zwangsjacke und als Kurtisane Giulietta im lasziven Paillettenkleid. Mit großer Leichtigkeit, Klarheit und Höhensicherheit lässt sie ihre Silberstimme strömen.

Vierter Hauptdarsteller ist Stefan Hadzˇic´ mit jugendlichem Bariton, der taktierend-verführerisch alle Bösewichte singt, teils mit Langhaarmähne und Zwirbelschnauzer, teils Pommes frites essend, wobei die Kartoffelstäbchen auch einmal zum pseudomaskulinen Fechtkampf eingesetzt werden.

Noch so ein allzu ostentatives Männlichkeitssymbol sind die wabbeligen Würstchen, die der Männerchor in der Weinstube in Händen hält. Sam Taskinen ist Luther und Vater Krespel, Steven Ebel für die komödiantischen Partien zuständig und Marta Herman in der kurzen, aber glamourösen Partie als Antonias Mutter zu erleben.

Hier werden die Auftritte von Till Krüger mit Video gefilmt und die Gesichter von Marta Herman und Judith Spießer riesig auf die Bühnenrückwand projiziert. Wie Antonia sich vorteilhaft in die Kamera zu drehen versucht, ist eines von mehreren Details, die ganz en passant eine tatsächliche Aktualisierung des Stoffes bewirken. Hier geht es darum, wie Frauen selbst ihre Rollenbilder generieren. Ist das denn auch instagrammgerecht? Das bewegende Terzett Spießer/Herman/Hadzˇic´ wird kurz darauf zu einem gesanglichen Höhepunkt des Abends.

Wenn im vierten Akt Giulietta in einem Swingerclub mit Kunstpalme Hoffmann das Spiegelbild abluchst, zücken die gut aufgelegten Chorsänger spiegelnde Täfelchen, die sie wie Handys umhängen haben – auch die allgegenwärtige Bildproduktion verstellt die Perspektive auf sich selbst (Kostüme: Vanessa Rust, Patricia Talacko).

Während gerade die berühmte „Barcarole“ etwas fahl blieb, strömte sonst die Musik vielfarbig und vor allem in den Bläsern ausdrucksstark aus dem Orchestergraben. Mario Hartmuth holte aber auch die unheimlichen und fantastischen Elemente der Oper heraus und ließ Raum für den Wunsch nach Erlösung in der Zweisamkeit.

Wieder 1., 7., 15., 23., 30. Oktober, Karten: 0561-1094-222.

Werden gefilmt: Judith Spießer als Antonia und Aldo di Toro als Hoffmann am Kasseler Staatstheater in einer Aufführung der Oper „Les Contes d‘ Hoffmann.
Werden gefilmt: Judith Spießer als Antonia und Aldo di Toro als Hoffmann. © Isabel Machado Rios

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