Interview: Dr. Ursula Benzing über die Faszination des Musiktheaters und den richtigen Spielplan

„Oper soll vom Leben erzählen“

Kassel. Auch nach viereinhalb Jahren Tätigkeit am Kasseler Staatstheater ist Dr. Ursula Benzing die Färbung ihrer schwäbischen Heimat noch anzuhören, wenn sie über Oper spricht. Und das tut sie gern und viel.

Seit 2007 ist sie leitende Musikdramaturgin am Haus, seit Beginn dieser Spielzeit steht sie als Operndirektorin der Sparte Musiktheater vor. Kasseler Opernfreunde kennen sie als glühende Verfechterin des Musiktheaters, die es sich nicht nehmen lässt, vor jeder Opernvorstellung eine Publikumseinführung zu geben. Wir sprachen mit Ursula Benzing über ihre Aufgabe und über die Faszination Oper.

Frau Benzing, was macht Ihre Tätigkeit als Operndirektorin aus?

Ursula Benzing: Mit ist wichtig, dass meine neue Aufgabe als Operndirektorin an meine bisherige Tätigkeit, die Dramaturgie, gebunden ist. Sie erlaubt es mir, zusammen mit dem Generalmusikdirektor noch intensiver an der Gestaltung des Opernspielplans und an der Zusammensetzung des Opernensembles zu arbeiten. Ich bin ein Mensch, der sehr vom Ensemblegedanken geprägt ist.

Wie sieht das konkret aus? Wer „macht“ den Spielplan?

Benzing: Der Spielplan wird vom Generalmusikdirektor und der Operndirektorin in Abstimmung mit dem Intendanten festgelegt. Konkret heißt das, ich begebe mich, wie auch der GMD, auf die Suche nach interessanten Werken. Die Barockoper „Griselda“ von Alessandro Scarlatti, die am Samstag Premiere hat, ist so ein Vorschlag von mir.

Wie kamen Sie auf das Stück?

Benzing: Mit drei Händel-Opern haben wir versucht, die Barockoper, die viele Liebhaber hat, im Kasseler Spielplan zu etablieren. Ich bin immer auf der Suche nach unbekannten Barockopern. Mit „Griselda“ können wir musiksprachlich an Händel anknüpfen.

Was macht den Reiz dieser Oper aus?

Benzing: Scarlatti war einer der berühmtesten Opernkomponisten seiner Zeit, und „Griselda“, 1721 entstanden, ist die letzte seiner 114 Opern. Als Musikdramatiker hat Scarlatti eine Musiksprache entwickelt, die in ihren Ausdrucksnuancen teilweise von Takt zu Takt variiert, was im Barock ungewöhnlich ist. Aufmerksam wurde ich auf Scarlattis Opern erstmals durch eine Aufführung seines „Telemaco’“ bei den Schwetzinger Festspielen.

Ein Problem bei Barockopern ist oft die komplizierte Handlung. Wie ist das hier?

Benzing: Man kann die Oper als Märchen sehen, als grausames Märchen. König Gualtiero von Sizilien heiratet die Schäferin Griselda, was Empörung und viele Intrigen auslöst. Griselda hat viel durchzumachen bis zum befreienden Ende.

Nach welchen Kriterien suchen Sie überhaupt Stücke aus?

Benzing: Das ist ein Spiel mit vielen Variablen: Womit kann man das Publikum beglücken, welche Partien kann ich aus dem Ensemble besetzen, welche Oper ist wann zuletzt gelaufen und vieles mehr. Unsere Vision ist es, ein lebendiges Musiktheater für die Stadt Kassel zu präsentieren. Ich möchte, dass man über die Kasseler Oper spricht.

Was ist denn heute die Bedeutung von Oper?

Benzing: Sie kann rühren, zum Lachen oder Weinen bringen, Mut machen, Rätsel aufgeben. Also: Oper soll vom Leben erzählen. Dabei kann sie sehr wahrhaftig sein wie bei Puccinis „La Bohème“ oder ein Thema auf Distanz bringen wie bei Händels „Julius Cäsar“.

Welche Regiehandschriften bevorzugen Sie?

Benzing: Mir ist Vielfalt wichtiger als der Versuch, eine bestimmte Handschrift zu etablieren. Ich möchte Regisseure finden, die zum Stück und die zu Kassel passen. Ich war mir zum Beispiel sicher, dass Philipp Kochheim der Richtige für „La Bohème“ in Kassel ist. Und ich glaube, dass auch Stephan Müller mit seiner Idee des Bewegungstheaters der Richtige für „Griselda“ ist.

Das Staatstheater Kassel hat keinen Hausregisseur, aber ein kleines und feines Sängerensemble. Wie pflegen Sie das?

Benzing: Ich hefte mich immer wieder an die Fersen von Sängern. Als ich Kelly Cae Hogan als Marschallin im „Rosenkavalier“ gehört hatte, wusste ich sofort: Das ist unsere Ismailowa in „Lady Macbeth von Mzensk“. Man muss bei der Ensemblepflege mehrere Jahre vorausblicken und Sänger fragen: Wohin wollen Sie sich entwickeln? Dann kommt es auch vor, das Sänger wegen attraktiver Partien von größeren Häusern nach Kassel wechseln.

Was wünschen Sie sich vom Publikum?

Benzing: Für mich ist der Dialog mit dem Publikum entscheidend. Die Leute sollen sich von der Oper berühren lassen. Ich finde es schade, wenn ein Opernabend nur konsumiert wird. Da soll man lieber auch mal zornig werden. Allerdings vertrete ich kein Konzepttheater, bei dem das Publikum auf der Strecke bleibt.

Von Werner Fritsch

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