Patrik Ringborg dirigiert, Markus Dietz inszeniert in Kassel Giacomo Puccinis letzte Oper „Turandot“

Operndrama überlebensgroß

Kampf mit den Mitteln der Verführung: Szene mit (von links) Espen Fegran (Ping), Tobias Hächler (Pang), Hector Sandoval (Calaf) und Paulo Paolillo (Pong). Im Hintergrund eine Statistin. Fotos: Klinger

Kassel. Die Oper vergrößert das Leben, die Gefühle und die Tragödien. Mittels der Musik wird das Geschehen „bigger than life“. Erst recht in Puccinis letzter Oper „Turandot“, der Geschichte jener chinesischen Prinzessin, die alle Brautwerber köpfen lässt, die ihre drei Rätsel nicht lösen können.

Doch die Prinzessin, die damit eine Gewalttat sühnen will, die einer Ahnin angetan wurde, verkörpert nicht nur ein individuelles Drama, sondern steht gleichzeitig für eine in Gewalt erstarrte Gesellschaft, ein China des Schreckens.

Markus Dietz, der Oberspielleiter des Kasseler Schauspiels, zeigt in seiner ersten Opernregie am Staatstheater diese sich ins Riesenhafte steigernde, eine ganze Gesellschaft gefangen nehmende Gewaltsituation mit großen, wirkungsstarken Bildern, aber auch mit einer äußerst detailscharfen Personenregie.

Beispielhaft dafür stehen die Chöre, Opernchor, Extrachor und Jugendchor Cantamus, die nicht nur mit einer grandiosen sängerischen Leistung aufwarten, sondern auch in der Masse der schwarz-weiß gekleideten Gesellschaft (Kostüme: Henrike Bromber) stets als viele Einzelne erkennbar bleiben. Die je nach Stärke des äußeren Drucks zwischen Mitgefühl und exzessiver Gewaltbereitschaft schwanken.

Die von Ines Nadler gestaltete Bühne ist ein neonbeleuchteter leerer Raum, der sich ständig in Form und Ausmaßen verändert und symbolische Kraft gewinnt, etwa wenn der Kaiser (Ji Hyung Lee) als irreale Gestalt in hoher weiter Ferne erscheint. Große Bildprojektionen unterstützen sinnfällig die Handlung. Dass die plötzliche Liebe Calafs zu Turandot, für die er sein Leben aufs Spiel setzt, eine Phantasmagorie ist, zeigt neben Puccinis Musik auch ein sich zum Gesicht wandelnder Riesenmond, der an demselben Sternenhimmel aufscheint, der später den Hintergrund für die berühmte Arie Calafs „Nessun dorma“ (Keiner schlafe) bildet.

Strahlender als von Hector Sandoval hat man den Calaf in Kassel wohl selten gehört. Der mexikanische Gasttenor verbindet stimmlichen Glanz mit hoher emotionaler Präsenz. Und er ist damit ein idealer Partner für Kelly Cae Hogan, die sich als Turandot der Extraklasse präsentiert. Was hat diese Frau für stimmliche Reserven! Mit kaum gezügelter emotionaler Power offenbart sie, wie sehr die grausame Unterdrückerin selbst Gefangene eines gnadenlosen Systems ist.

Dass die von Puccini 1924 unvollendet hinterlassene Oper in Kassel mit dem von Luciano Berio 2002 nachkomponierten Schluss gespielt wird, erscheint fast zwingend, denn erst der auf erotischem Feld geführte Machtkampf der beiden Heroen, der von Berio plastisch und recht dissonant illustriert wird, beglaubigt das Zusammenfinden des Paares, die große Befreiung am Ende. Auch hier noch einmal „bigger than life“: Die Liebe des Paares in ihrer gesellschaftlichen Relevanz symbolisiert ein die gesamte Bühne ausfüllendes Laken.

Nie ist Puccinis Musik kraftvoller, nie farbenreicher, nie auch moderner als in seiner letzten Oper. Eine Glanzleistung, wie Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und das Staatsorchester diese Musik zum Leuchten bringen und immer wieder überwältigende Momente schaffen. Aus dem ausnahmslos überzeugenden Ensemble ragen Any Yorentz als tief berührende Sklavin Liù sowie Espen Fegran, Tobias Hächler und Paulo Paolillo als Höflinge Ping, Pang und Pong heraus. Ein toller Opernabend, der mit viel Beifall quittiert wurde sowie mit einigen (hier unverständlichen) Buhs für die Regie.

Wieder am 4., 10. und 29.4., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.