Viel Applaus im Opernhaus

Opernpremiere in Kassel: Großes Drama ohne Helden

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Wenn Liebe in Aggression umschlägt: Jenufa (Jaclyn Bermudez) wird vom eifersüchtigen Laca (George Oniani) verletzt. 

Kassel. Generalmusikdirektor Francesco Angelico und Regisseur Markus Dietz lassen Leoš Janáčeks Oper "Jenufa" zu einem großen Drama werden. 

Helden gibt es keine in Leoš Janáček „Jenufa“, seiner „Oper aus dem mährischen Bauernleben“. Das Drama um Liebe, Verlassenwerden, Schande und Schuld spielt sich am unteren Rand der Gesellschaft ab und lässt niemanden unbeschädigt. Dennoch handelt es sich um ein großes Drama, das jeder Figur ihre Würde zubilligt, daran lässt die Kasseler Inszenierung von Markus Dietz, die am Samstag im fast ausverkauften Opernhaus Premiere hatte, keinen Zweifel.

In Großschrift erscheinen vor jedem der drei Akte Schlüsselzitate wie „Ich hab mir das Leben anders vorgestellt, und doch bin ich schon am Ende angelangt“ (2. Akt). Der plakativen Hinweise hätte es nicht bedurft, denn Janá-cˇeks Musik verdichtet auf eindringliche Weise das Drama der jungen, schönen Jenufa, die heimlich ein Kind vom Nichtsnutz Stewa erwartet, von dessen Nebenbuhler Laca entstellt wird, dann verlassen wird, ihr Kind durch Mord verliert und sich am Ende in einer Ehe mit Laca wiederfindet.

Größe symbolisiert auch ein riesiger Altkleiderberg samt Waschmaschinenparade, der Mayke Heggers Bühne beherrscht – in dieser Sammelstelle verdient sich die ins Heute versetzte Dorfbevölkerung ihr Existenzminimum. Und zu – allerdings verhängnisvoller – Größe schwingt sich die Küsterin Buryja auf, die Stiefmutter Jenufas, die ihre Tochter mit dem unehelichen Kind erst versteckt hält, dann aber Schicksal spielt, indem sie Jenufas Kind im vereisten See ertränkt, um ihr einen Neustart zu ermöglichen.

„Ich bin eine Mörderin“: Die Küsterin Buryja (Ulrike Schneider) bekennt sich des Kindsmords schuldig.

Ulrike Schneiders Verkörperung der Küsterin auf ihrem tragischen Weg von der moralischen Autorität des Dorfes zur verzweifelten Mörderin prägt diesen mit viel Beifall bedachten Opernabend. Wie ihr kunstvoller Gesang zum existenziellen Laut wird, als sie dem Wahnsinn verfällt, ist erschütternd und findet im Schuldbekenntnis in der Pose des Gekreuzigten einen bildhaften Höhepunkt.

Dabei wird das Pathos durch Janácˇeks Musik geerdet, denn sie ist stets der (tschechischen) Sprache und damit der Psyche der Figuren nahe. Auf ebenso natürliche wie sanft-tiefgründige Weise bringt dies Jaclyn Bermudez als Jenufa – stimmlich jederzeit souverän – zum Ausdruck.

Die innere Spannung des zurückgesetzten Laca lässt George Oniani mit fokussierter, mitunter auch harter Tenorstimme eindrucksvoll spüren, während Tobias Hächler den Aufschneider Stewa stimmlich souverän und darstellerisch brillant als charakterlichen Waschlappen vorführt. Sie alle sind eingebettet in ein starkes Ensemble samt Chor, aus dem Lona Culmer-Schellbach als alte Buryja stimmlich und optisch durch ihren Reichtum signalisierenden Pelzmantel (Kostüme: Henrike Bromber) herausragt.

Statt von einprägsamen Melodien lebt Janáčeks  eigenwillige Musik von der Authentizität des sprachlichen Ausdrucks, der durch reiche Orchesterfarben (insbesondere in den Bläsern), rhythmische Prägnanz und eindringliche Wiederholungen verdichtet wird und dabei auch volksmusikalische Motive einbindet. Eine herausragende Leistung und ein Erlebnis, wie plastisch, präzise und gleichzeitig sensibel Generalmusikdirektor Francesco Angelico diese sehr komplexe Musik mit dem Staatsorchester, den Solisten und dem Opernchor in Szene setzt.

Nächste Vorstellungen: 17., 23. und 28.2. sowie 8. und 10.3. Karten: Tel. 0561 / 1094-222, www.staatstheater-kassel.de

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