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Opernpremiere in Kassel: "The Rake's Progress"

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Von: Werner Fritsch

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Vom Schatten gefangen: Tom Rakewell (Daniel Jenz, links) und Marc-Olivier Oetterli (Nick Shadow). © Klinger

Paul Esterhazy inszeniert Igor Strawinskys Oper über den  unaufhaltsamen Abstieg des Tom Rakewell, Alexander Hannemann dirigiert.

Der Operntitel ist kaum zu übersetzen: „The Rake’s Progress“. Die Formulierung „Karriere eines Wüstlings“ trifft es nur bedingt. Und die Oper selbst: Wie soll man das nennen, was Igor Strawinsky vor 70 Jahren auf ein Verslibretto des englischen Dichters W. H. Auden und seines Co-Autors Chester Kallman geschrieben hat? Eine Hommage an die alte Opera buffa? Eine Opernparodie? Ein neoklassizistisches Opernexperiment?

Von allem etwas, könnte man sagen. Dazu eine außergewöhnliche Adaption von bildender Kunst für die Theaterbühne: Denn „The Rake’s Progress“ entstand nach der gleichnamigen Gemäldeserie des britischen Malers William Hogarth von 1733. Ein subtiles, teils skurriles Stück, dessen Libretto und Musik zu den interessantesten Opernschöpfungen des 20. Jahrhunderts zählt. Allerdings eines, auf das man sich einlassen muss. Nicht alle im Publikum fühlten sich bei der Premiere im Kasseler Opernhaus davon angesprochen – nach der Pause waren die Reihen deutlich gelichtet.

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Was ist mit Tom Rakewell los? Elizabeth Bailey (Anne Trulove) und Belinda Williams (Baba, genannt Türkenbab). 2 Fotos: Klinger

So vielgestaltig und anspielungsreich wie die Musik ist auch die Inszenierung von Paul Esterhazy. Die Geschichte vom unaufhaltsamen Abstieg des Tunichtguts Tom Rakewell spielt in einem klassizistischen Raum, der passend von zwei Treppen beherrscht wird (Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt). Der frömmelnde Vater von Toms Verlobter Anne, die unschuldig verliebte junge Frau, der (zunächst) weiß gekleidete Tom – alles deutet auf eine Familienidylle.

Gäbe es da nicht Irritationen: Alle hängen ständig an ihrem Handy. Auch wer der schattenhaft dunkle Mann ist, der Tom unvermittelt eine riesige Erbschaft ankündigt, lässt sich ahnen: Nick Shadow zieht verdächtig einen Fuß nach. Er führt Tom durch eine bunte Szenenfolge als Stationen seines Abstiegs: Ein Londoner Bordell, die Heirat mit der bärtigen Türkenbab, einer Jahrmarkt-Attraktion, die Investition in eine vorgeblich weltrettende Maschine. Bei Esterhazy ist es das Smartphone, dem alle suchtartig verfallen – ein etwas überzogener Ansatz.

Dass die Handlung hinter einem Gazevorhang spielt, vor den die Akteure treten, wenn sie ihre Botschaften ans Publikum richten, verleiht dem Stück Tiefenschärfe. Denn natürlich steckt hinter all der Ironie eine ernsthafte Botschaft, die auf berührende Weise in der Schlussszene zu an Bach gemahnender Musik aufscheint, wenn Anne sich vom wahnsinnig gewordenen Tom, der sich für Adonis und sie für Venus hält, verabschiedet.

Überzeugend als Sängerdarsteller agieren Daniel Jenz, ein stimmstarker Tom mit hoher Präsenz, Elisabeth Bailey mit großer Reinheit als mitfühlende Anne, Marc-Olivier Oetterli als geheimnisvoller, aber auch penetranter Nick sowie Belinda Williams als schrille, bewegliche Türkenbab. Florian Spiess (Vater Trulove), Lona Culmer-Schellbach (Bordellbesitzerin Mother Goose), Johannes An (Auktionator) und Ji Hyung Lee (Wärter) sowie der sehr präsente Opernchor vervollständigen die gute Ensembleleistung.

Igor Strawinsky rekurriert mit seiner Musik auf die Operngeschichte: Das beginnt mit dem Orchester in Mozart-Besetzung, bei dem insbesondere die Bläser solistisch hervortreten. Die Formen der alten Buffa einschließlich Rezitativ werden aufgenommen, es finden sich Anklänge an Händel, Bach, Mozart und Verdi – und doch ist diese hochvirtuose Musik jederzeit eigenständig. Der erste Kapellmeister Alexander Hannemann führt Bühne und Graben gut zusammen, allerdings sind die Temperaturunterschiede im Stück nicht sehr hoch – besondere Spannungsmomente und Pointierungen bleiben die Ausnahme. Die Beifallsbekundungen reichten von höflich bis enthusiastisch.

Wieder am 31.3., sowie 6., 15., 18. und 27.4., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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