Opernpremiere: Lust und Leid der Überforderung

Theater im Theater: (v. l.) Walewein Witten (Pianist), Gunnar Seidel (Freitag), Markus Francke (Regisseur), Christina Schönfeld (Mime), Marc-Olivier Oetterli (Prospero). Fotos: Klinger

Luciano Berios sperriges Musiktheater „Un re in ascolto" erlebt in Kassel eine ambitionierte Wiedergabe

Kassel. Luciano Berios musikalische Bühnenhandlung „Un re in ascolto“ (Ein König horcht) ist ein schwieriges Stück. Eine einzige Überforderung - für den Komponisten und seine Ansprüche, für die Ausführenden und auch für das Publikum. Dass es am Samstag im Kasseler Opernhaus eine Premiere erlebte, die einem Bewunderung abnötigt, macht die Sache nicht einfacher.

Was hat Berio (1925-2003) nicht alles in seine 1984 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte, gut eineinhalbstündige Oper (die auf keinen Fall Oper genannt werden soll) gepackt. Ausgehend von einem Text des Schriftstellers Italo Calvino, der aber großenteils wieder verworfen wurde, und angelehnt an einen Artikel von Roland Barthes über das Zuhören, schrieb Berio ein Musiktheaterwerk, das sowohl Abschied von der Oper als auch ein Stück über das Theater sein möchte, ein Werk, das Traum und Realität verschmilzt.

Hinein verwoben ist Shakespeares Stück „Der Sturm“, das von einer Theatertruppe geprobt werden soll und dem die Hauptfigur ihren Namen, Prospero, verdankt. Die Texte, meist italienisch, teils deutsch, sind in der intellektuell verrätselten Sprache der 80er-Jahre gehalten. Einer Zeit, die kulturell alles Vorangegangene infrage stellte und sich damit aufrieb, radikal Neues zu schaffen.

Genau hier setzt der Regisseur Paul Esterhazy an. Dem heiligen Ernst Berios setzt er ein Spektakel entgegen, das die Atmosphäre jener Zeit widerspiegelt und mit dem turbulenten Spiel von 27 (!) Akteuren eine weitere - gewollte - Ebene der Überforderung schafft. Denn niemand kann vollständig erfassen, was sich hier in einem Theaterfoyer und Intendantenbüro (Bühne und Kostüme: Mathis Neidhardt) gleichzeitig abspielt. Die Inszenierung lebt dabei von ihrer Detailschärfe - bis hin zum Beuys-Satz „Wer nicht denken will, fliegt raus!“ auf dem Kühlschrank.

Grandioses leisten die Akteure, allen voran Marc-Olivier Oetterli in der Rolle des Prospero, eines Königs des Theaters, der wahnhaft einer anderen, neuen Kunst nachspürt. Oetterli bewältigt die komplexen Arien souverän und gibt dabei einen verzweifelt rauchenden, Wein aus der Flasche trinkenden Impresario, der sich am Ende mit einer Sowjetfahne erhängt.

Auch die übrigen Gesangsleistungen sind außergewöhnlich, etwa Anna Nesybas Arie als Protagonistin (Hauptdarstellerin) im Kostüm einer deportierten Jüdin, die bei ihrem Auftritt spektakulär eine Mauer durchbricht. Und es gibt wundervolle nicht singende Figuren wie die taube Darstellerin Christina Schönfeld als Mime, die im Kostüm der Ariel-Werbe-Ikone Klementine Verse des Luftgeists Ariel aus Shakespeares „Sturm“ in Gebärdensprache performt. Hier verbindet sich Poetisches mit Witz - etwas, das Berios Vorlage fehlt.

Überzogen wirkt die Dauerpräsenz einer Figur namens Freitag (man denkt an „Robinson Crusoe“) mit Bananenpenis, die Prosperos Dialog mit dem Regisseur über das Theater in den Hintergrund drängt.

Berios Musik klingt mit ihrer Trennung von Arien, Duetten und instrumentalen Teilen mitunter fast traditionell, hat aber auch reichlich sperrige Momente. Der Erste Kapellmeister Alexander Hannemann führte Solisten, Chor und Orchester zu einer sehr konzentrierten und klanglich differenzierten Wiedergabe zusammen.

Einige Zuschauer verließen die Vorstellung dennoch vorzeitig. Der freundliche Schlussbeifall im nicht ganz ausverkauften Haus galt den überragenden Akteuren. Am Ende bleibt die Erkenntnis: Kassel spendiert Berios „Un re in ascolto“ eine starke Inszenierung. Ob man das Stück überhaupt auf die Bühne bringen muss, ist eine andere Frage. Wieder am 30.5., 5. und 19. 6., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

Die Mitwirkenden:

Prospero: Marc-Olivier Oetterli, Regisseur: Markus Francke, Freitag: Gunnar Seidel, Protagonistin: Anna Nesyba, Sopran I: Lin Lin Fan, Sopran II: Bénédicte Tauran, Mezzosopran: Lona Culmer-Schellbach, Drei Sänger: Paulo Paolillo (Tenor), Hansung Yoo (Bariton), Hee Saup Yoon (Bass), Krankenschwester: Nayeon Kim, Prosperos Gattin: Maren Engelhardt, Doktor: Bassem Alkhouri, Advokat: Henning Leiner, Singender Pianist: Walewein Witten, Weiterer Pianist: Deniola Kuraja, Mime: Christina Schönfeld, Akkordeonspieler: Roman Komassa, Seiltänzer: Kolja Bukowski, Seiltänzerin: Paula Koring, Bote: Heiko Schmelz, Bühnenbildner: Philipp Oetter, Maskenbildnerin: Monika Köhler, Kostümbildnerin: Carola Meise, Entzweizusägende Dame: Corinna Hartmann, Clown: Nelio Neumann, Double Prospero: Samuel Neri.

Von Werner Fritsch

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