Thomas Vinterberg debütiert als Schauspielregisseur in Wien

Opfer werden Täter

Sterbend im Arm der Frau: Martin Wuttke als Christian und Dörte Lyssewski als Pia. Foto:  dpa

WIEN. „Das Fest“ hieß der erste nach dem „Dogma“-Manifest gedrehte Film, der den jungen Regisseur Thomas Vinterberg 1997 berühmt machte. Das dänische Sittengemälde rund um die Geburtstagsfeier des 60-jährigen Familienvorstands und Kinderschänders Helge Hansen, welches die entlarvende Tischrede des ältesten Sohnes in einen Eklat einmünden lässt, hat nach der Leinwand auch das Theater erobert. Eine filmische Weitererzählung der Familiengeschichte lehnte Vinterberg trotz massiven Zuredens ab.

Dafür aber konnte ihn Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann gewinnen, eine Fortsetzung für die Wiener Bühne zu schreiben und zu inszenieren. Mit „Das Begräbnis“ feierte Vinterberg ein furioses Debüt als Schauspielregisseur - und das Publikum feierte mit.

Seit dem skandalumwitterten Geburtstagsfest sind zehn Jahre vergangen. Zehn Jahre des Verdrängens, der Verweigerung jeder kindlichen Kontaktaufnahme mit dem sexuell übergriffigen Patriarchen. Nun ruft sein Tod die Familie erneut zusammen, in Helges lauschiges Hotel, das noch immer von seinem Geist beseelt ist. Dieser Geist wird Fleisch (Michael König) und irrlichtert Unheil bringend durch die Räume. Der Bühnenbildner Johannes Schütz schafft mit Treppe, Salon, Schlafzimmer und einer Küchenzeile Schauplätze verschiedener Intimitätsgrade.

Als offenbar wird, dass aus Christian (Martin Wuttke), dem Missbrauchsopfer, selbst ein Täter geworden ist, dessen erotischer Destruktionstrieb auch vor dem Sohn seines Bruders Michael (Oliver Stokowski) nicht halt macht, verwandelt das Gesetz des Wiederholungszwangs die Boulevardkomödie in ein Drama von archaischer Unerbittlichkeit.

Weder die Contenance der Mutter (Corinna Kirchhoff) noch die bieder-freundliche Laszivität von Michaels zweiter Frau Sofie (Johanna Wokalek) können den Brudermord verhindern. Am Schluss liegt Christian leblos in den Armen seiner Frau Pia (Dörte Lyssewski). Dass mit seinem Tod Ruhe einkehre in diese Familie, suggeriert das Bild nicht: Der Geist des Alten bleibt lebendig.

Burgtheater Wien. Wieder am 15., 17., 19., 22. April. Kartentelefon: +43-1-513-2967-2967.

Von Verena Joos

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