Opulente Schau zum documenta-Jubiläum im Fridericianum

Diskrepanz von Form und Material: Marcel Broodthaers Sandteppich von 1974. Fotos:  Fischer

Marcel Broodthaers war viermaliger documenta-Teilnehmer und ist bis heute eine wichtige Referenzfigur. Zum Jubiläum der Kunstschau kann man ihn im Fridericianum neu entdecken.

Ein Papagei ist für Susanne Pfeffer, Kuratorin der üppigen Ausstellung zu Marcel Broodthaers in Kassel, ein Schlüsselwerk des viermaligen documenta-Teilnehmers.

Wiederholt sich ein Künstler irgendwann wie ein Papagei, der stets das Gleiche nachplappert? Wie ändern sich das Werk und dessen Wahrnehmung, wenn es neu arrangiert in anderem Kontext ausgestellt wird? Wenn nicht mehr Zeitgenossen, sondern spätere Generationen es rezipieren? Diesen Fragen lässt sich jetzt im Fridericianum nachgehen.

Es erweist sich als kluger Schachzug, zum 60-jährigen Bestehen der Weltkunstausstellung gerade Broodthaers (1924-1976) mit einer vielschichtigen, umfangreichen Retrospektive zu würdigen. Nicht nur, weil der Belgier ein wichtiger documenta-Teilnehmer gewesen ist, der heute noch eine Referenzfigur für Künstler und Kunsthistoriker ist, wie Pfeffer sagt.

Broodthaers hat ganz fundamentale Fragen an die Kunst und ihre Kommerzialisierung gestellt, die Aufgabe des Museums als Ort der Repräsentation und Ordnung, von Festlegungen und Vermittlung infrage gestellt. Themen, mit denen sich auch jede documenta konfrontiert sieht.

Broodthaers, hier chronologisch in allen Schaffensphasen vorgestellt, hat mit einer Vielzahl von Medien gearbeitet - Objekte, Malerei, Skulptur, Dias, Film, Sprache, raumbezogene Installationen. Es ging ihm darum, Diskrepanzen offenzulegen: zwischen Form und Material und zwischen dem, was wir sehen, und Interpretationen, die wir vornehmen. Die Dattelpalmen gleich im Eingang: Sind sie Natur, Kunst, Dekoration? Ein Sinnbild für den Kolonialismus, der die belgische Gesellschaft geprägt hat?

In einer Zeit der digitalen Bilderflut ist diese Frage nach der Kluft von Bild, Wort, Objekt, Vorstellung und Bedeutung brisanter denn je. Viele von Broodthaers’ komplexen Arbeiten haben überdies einen ganz eigenen, ironischen Humor - wenn er beispielsweise mit seiner Signatur spielt, die ja Kunst erst ihren Wert als Ware gibt.

Nichts an Aktualität verloren hat auch der mit den Farben der belgischen Flagge überzogene Oberschenkelknochen: Was verschafft so etwas wie „nationale Identität“?

Broodthaers liebte das Verwirrspiel der Sprache, Persiflage und Doppelbödigkeit. Die Muschel, die immer wieder auftaucht, heißt im Französischen moule, was genauso Form bedeutet - bei ihr kommt es aber auf den Inhalt an. In der Malerei arbeitete er mit Worten und als Filmemacher mit Einzelbildern ganz unabhängig von Bewegung und Zeitlichkeit.

Im Hinblick auf die Fragilität der Exponate spricht Pfeffer sogar vom „fast bösartigen Witz“. Diese Kunst ist nicht nur so kostbar, dass man sie wie rohe Eier behandeln muss - Broodthaers hat tatsächlich mit Eierschalen gearbeitet. Konservatorisch ist die aufwendige Retrospektive, für deren Zustandekommen sich seine Witwe Marie Gilissen Broodthaers beim Presserundgang herzlich bedankt hat, eine Herausforderung.

Service

Die Ausstellung „Marcel Broodthaers“ ist bis 11.10. im Fridericianum zu sehen, Di-So 11-18 Uhr. Eintritt 5, ermäßigt 3 Euro. Mittwochs Eintritt frei, für Kinder bis 12 Jahre frei. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm mit Kunstgesprächen und Führungen, alle Infos unter Tel. 0561/7072720,

www.fridericianum.org

Termine beim documenta-Fest am Sonntag

14 und 16 Uhr: Blick auf einzelne Werke, 13 und 17 Uhr: Familienführung, 15 - 17 Uhr: Familienworkshop mit Malen und Werken mit ungewöhnlichen Materialien.

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