Die finnische Metalband Nightwish greift auf ihrem Album „Imaginaerum“ sinfonisch in die Vollen

Nightwish: Orchester-Bombast im Feenwald

Gehen neue Wege: Die Musiker von Nightwish (von links): Emppu Vuorinen, Jukka Nevalainen, Anette Olzon, Tuomas Holopainen und Marco Hietala. Foto:  nh

Trolle spielen E-Gitarren im Zauberwald: So klingt das neue Album der finnischen Opulent-Rocker Nightwish, das schon kurz nach der Veröffentlichung von der leidenschaftlichen Fangemeinde teilweise zwiespältig aufgenommen wurde, obwohl das Fachblatt Metal Hammer es zum meisterwarteten Album des Jahres ausgerufen hatte.

Denn das sinfonische Rockalbum bleibt stilistisch nicht da stehen, wofür frühere Werke wie „Once“ bejubelt wurden. „Once“ überschritt in Blitzeseile die magische Grenze von einer Million verkaufter Exemplare.

Vordenker Tuomas Holopainen hat nun „Imaginaerum“ als Filmmusik konzipiert. Das heißt: süffig, vielfältig und mit Mut zum orchestralen Bombast. Die 13 Titel wurden parallel zur Albumentwicklung von Regisseur Stobe Harju verfilmt. In der Leinwandgeschichte geht es um einen dementen Komponisten, der durch seine Kindheitserinnerungen wandelt. Der Film wird nächstes Jahr fertig.

Schon jetzt kann die Fangemeinde den musikalischen Ausdruck von zappendusterer Verzweiflung und überquellender Zuneigung bis tief ins Trommelfell nachempfinden. „Es geht um Liebe, Unschuld und das Gute in uns“, erklärt der finnische Klangtüftler, der drei Jahre in das Projekt gesteckt hat.

Der Anspruch an ein komplett durchgestaltetes Werk ist spürbar, musikalisch ist die Bandbreite groß. Metalklänge werden ergänzt von sinfonischem Orchester, dazu kommen Druidensounds wie aus der Keltenvollversammlung und sogar filigraner gewebte chansonige Arrangements.

Metal-Magier Holopainen sieht „Imaginaerum“ als Kräftigungskur für degenerierte Großstadtmenschen. Wie ein Sanatorium die Gesundheit fördert, soll Nightwishs „Imaginaerum“ die Fantasiefähigkeit der Hörer aufpäppeln. Das passt zum Cover, wo eine Art nostalgischer Jahrmarkt zum Betreten einer mystischen Parallelwelt einlädt. Und Holopainen ist von seinem Weg überzeugt: „Imaginaerum“ sei „etwas so Besonderes, das noch kein anderer zuvor in der Musik getan hatte“. Das Ergebnis klingt, als hätte der schräge Filmregisseur Tim Burton ein Gothic-Musical für die Mumins entworfen, Finnlands nilpferdartige Trolle.

„Slow, Love, Slow“ ist ein zurückhaltender, erfreulich kitschfreier Chanson, „Taikatalvi“ fängt mit Spieluhrklängen wie ein finnisches Kinderlied an, der 13-Minüter „Song Of Myself“ huldigt rezitierend dem Dichter Walt Whitman und setzt die Devise der Band von den Proben im Sommercamp um: ständig Vollgas geben. Chöre, Orchester, brettharte Gitarren. „Turn Loose The Mermaids“ ist ein poetisch-keltisches Stück mit der verträumten Gesangsstimme von Anette Olzon. Zaubrisch wird es dann in „Scaretale“ mit Kinderstimmchen, die in aufwallenden Geigen zu ertrinken scheinen.

Allein das Abmischen von Band und Orchester habe zweieinhalb Monate gedauert. Diese Professionalität und dieser Anspruch sind auch für Nichtfans respektabel.

Nightwish: Imaginaerum (Nuclear Blast), neun Editionen, Wertung: Vier Sterne.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.