Spitzel-Vorwürfe gegen den Büchner-Preisträger

Oskar Pastiors Unschuld ist vorbei

Herta Müller

Als im September bekannt wurde, dass der rumäniendeutsche Dichter Oskar Pastior (1927-2006) im Jahr 1961 eine Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter des Geheimdienstes Securitate unterzeichnet hat, war das Ausmaß seiner Verstrickung offen. Alle, die dem Büchnerpreisträger nahestanden, hofften, dass sich keine Spitzelberichte finden würden, dass Pastior unter dem Druck einer Haftandrohung, erpressbar wegen seiner Homosexualität und kritischer Gedichte über seine sowjetische Lagerhaft, mit der Unterschrift den Kopf aus der Schlinge ziehen wollte, aber niemanden verraten habe.

Die Hoffnung war trügerisch. Sie entpuppte sich als Illusion. „Diese Ansicht muss ich revidieren“, sagt der Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südeuropas in München, Stefan Sienerth, der Pastiors Spitzeltätigkeit aufgedeckt hatte.

Denn: Der Schriftsteller und Pastior-Freund Dieter Schlesak, in den 60ern Redakteur einer Literaturzeitschrift in Bukarest, hat in seinem Securitate-Dossier Berichte des IM „Otto Stein“ gefunden - Oskar Pastiors Deckname. In der FAZ berichtete er vom „Netz von ekelhaften Gemeinheiten, Verrat und Abgründen der tödlichen Gefahren“, das ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohte. Schlesak erinnert an „die Hölle jener Zeit und die Angst“, die dauernde Folter-, Lager- und Gefängnisdrohung, und er warnt davor, die Akten als „Wahrheitsquelle“ zu betrachten. Doch erhebt er schwere Vorwürfe gegen Pastior. Dieser habe nach dessen Haftentlassung auch den Lyriker Georg Hoprich bespitzelt, der wegen eines einzigen Gedichts jahrelang einsaß und 1969 Selbstmord beging.

Herta Müller, die mit Pastior an ihrem nobelpreisgekrönten Buch „Atemschaukel“ arbeitete, zeigte sich gegenüber der Deutschen Presse-Agentur „entsetzt“ und „verbittert“. Sie werde den Freund nicht mehr in Schutz nehmen können. „Die neuen Berichte haben mein Bild verändert. Mit der Unschuld ist es nun vorbei“, sagte die 57-Jährige. „Es gibt Oskar Pastior zweimal. Ich lerne erst jetzt den zweiten kennen.“ Den Vorwurf, Pastior habe Georg Hoprich geschadet, nennt Müller jedoch „unverantwortlich“: „Das beruht nur auf Hörensagen, dazu gibt es bisher keine Dokumente.“

Von Mark-Christian von Busse

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