Osten ohne Ostalgie: Katrin Sass beim Kultursommer

Die Königskinder als Ost-West-Liebespaar: Katrin Sass, hinten Pianist Henning Schmiedt. Foto: Malmus

Kassel. Sie sei aus der DDR nach Kassel gekommen und müsse spätestens um 24 Uhr wieder drüben sein. So begrüßte Katrin Sass am Samstagabend das Publikum in der kühlen Reithalle am Schlosshotel.

Die Schauspielerin, die durch den Film „Good bye, Lenin!“ und viele Rollen im Fernsehen bekannt ist, machte mit ihrem Programm „Königskinder“ beim Kultursommer Station.

Das Konzert stand allerdings schon bald kurz vor dem Abbruch, als die Schauspielerin beim dritten Lied in der ersten Reihe eine junge Frau entdeckte, die sie seit längerer Zeit belästigt. Nachdem sie zum Gehen aufgefordert worden war und dem auch murrend folgte, brauchte Sass einige Minuten, um sich wieder zu fangen.

Von Ostalgie ist Sass galaktisch weit entfernt, aber ihr Leben in der DDR will sie sich dennoch nicht schlechtmachen lassen. „Wir waren nicht arm dran!“, sagte sie mit Überzeugung, nur habe man, wie sie in Abwandlung eines Liedes von Nina Hagen formulierte, vergessen, einen Farbfilm einzulegen.

Dass auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung die Zeit davor im Osten präsent ist, davon zeugten die überwiegend aus der DDR stammenden Lieder: „Als ich fortging“, „Wer rettet die Welt“, „Groß ist der Reichtum der Welt“, „Über sieben Brücken“ und andere. Hinzu kamen zwei Lieder von Reinhard Mey („Über den Wolken“, „Ich wollte wie Orpheus singen“), „Sag mir, wo die Blumen sind“ und das Lied von den Königskindern mit einem Text über ein unmögliches Ost-West-Liebespaar.

Wäre Katrin Sass nicht die bekannte Schauspielerin, könnte man ihr nicht zuraten, als Sängerin aufzutreten. Ihre Stimme ist facettenarm und wenig tragend. Doch ihre persönliche Ausstrahlung, ihr Witz, ihre Frechheit und Ehrlichkeit machten den Abend dennoch interessant und ließen die vielen Schlampigkeiten unwichtig erscheinen, die offenbar durch ungenügende Auffrischung der Lieder entstanden waren. Zum Glück hatte sie mit Henning Schmiedt einen Pianisten an der Seite, der alles zu übertünchen verstand.

Das angetane, aber nicht begeisterte Publikum wurde nach zwei Stunden mit dem Lied des Sandmännchens (Ost) entlassen.

Von Johannes Mundry

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.