Interview 

Ostkabarettist Lothar Bölck: „Wir waren die Hofnarren“

Kassel. Einst gehörte Lothar Bölck zum Ensemble der Leipziger Pfeffermühle, Donnerstag gastiert der „Louis de Funès des deutschen Kabaretts“ im Kasseler Theaterstübchen. Ein Gespräch über die Einheit.

Herr Bölck, in Ihrem Programm spielen Sie den Pförtner des Kanzleramts. Welche Geheimnisse hat Angela Merkel?

Lothar Bölck: Ihr Geheimnis ist, dass es sie gar nicht gibt. Die Opposition hofft, dass Frau Merkel die Perücke abnimmt und dann ist es doch Hape Kerkeling. Im Ernst: Angela Merkels einziges Geheimnis ist, dass sie alles aussitzen kann. Genug Sitzfleisch hat sie ja. Sie nennt das Tagungs-Airbags. In diesen hektischen Zeiten können wir froh sein, dass wir Merkel haben. Sie strahlt Ruhe aus und macht im Moment vieles Falsche richtig und manches Richtige falsch.

Samstag wird das vereinte Deutschland 25 Jahre alt. Sind Sie zufrieden mit der Wiedervereinigung?

Bölck: Im Grunde ja, dann aber auch wieder nein. Es wurde zu viel kaputt gemacht und zu wenig übernommen. Zum Beispiel hätte man von der DDR die Bürokratie übernehmen sollen. Die war wesentlich milder und nicht so schwerfällig. Außerdem hatten wir ein Netto-Steuersystem. Alles was ich als Kabarettist bekommen habe, war netto. Wer mir Geld gab, musste Steuern abführen. Ich habe nur das in meinem Portemonnaie gehabt, was mir auch wirklich gehörte. So sollte man es immer machen.

Wie war das Leben als Berufskabarettist in der DDR?

Bölck: Lustig. Laut einem Politbürobeschluss aus den Siebzigern musste jede Bezirkshauptstadt ein politisch-satirisches Kabarett haben. Für die Leute waren wir das Ventil - und das nicht gerade zaghaft. Die Kunst als Kabarettist in der DDR war es, mindestens doppeldeutig zu sein, um den Zensor austricksen zu können. Das ist uns oft gelungen. Man musste nicht alles aussprechen. Heute kann man alles sagen, aber es hat keine Wirkung. Wenn wir damals gesagt haben, im Rathaus gibt es kein Klopapier, dann war am nächsten Tag wieder welches da.

Wie haben die Machthaber auf Ihre Satire reagiert?

Bölck: Als wir unser Programm „Wir sind so frei" 1988 spielten, mussten wir bei der SED-Bezirksleitung antanzen. Der Obergenosse fragte uns, wie viel Besucher in den Kabarettkeller passten. Wir sagten: „100." Da antwortete er: „Na, dann spielt es weiter." Kabarett war nicht massenwirksam. Die Wartezeit für Kabarettkarten betrug bis zu zwei Jahren. Darum konnten wir die Hofnarren sein - aber aufmüpfige.

Wer war der erste Wessi, den Sie kennengelernt haben?

Bölck: Das war eine Frau in Helmstedt. Zwei Tage nach dem Mauerfall bin ich mit meiner Familie rübergefahren. Als wir unser Auto auf dem Marktplatz abgestellt hatten, lud uns eine ältere Dame zum Kaffee ein. Sie hat sich sehr gefreut. So wie heute die Flüchtlinge empfangen werden, wurden wir damals auch empfangen. Später hat sich dieses Feiergefühl im Alltag aufgelöst. Das ist auch in Ordnung. Es kann nicht immer nur Hochstimmung geben.

Was denken Sie, wenn Sie nun Politiker über Dunkeldeutschland reden hören?

Bölck: Dann denke ich daran, dass die veröffentlichte Meinung nicht die öffentliche Meinung ist. Die Meinung der Medien drückt nicht die Meinung unten im Volk aus. Diese Diskrepanz finde ich nicht gut. Von Bundespräsident Joachim Gauck, von dem der Begriff "Dunkeldeutschland" ja stammt, wünsche ich mir, dass er der Anwalt aller Menschen ist und nicht nur der einer elitären Schicht. Gauck redet zu viel statt zu handeln. Er äußert sich zu allem, weil er unter verbaler Inkontinenz leidet: Er kann die Wörter nicht halten.

Trotzdem: Muss man als Ausländer im Osten mehr Angst haben als im Westen?

Bölck: Nein, wenn Sie sich die Landkarte der brennenden Asylbewerberheime anschauen, ist der Fremdenhass übers ganze Land verteilt. Es wäre ungerecht, wenn alles Rechtsradikale in Ostdeutschland festgemacht wird.

Sie gelten als Louis des Funes des deutschen Kabaretts. Was haben Sie gemein?

Bölck: Eine Zeitung hat das einmal über mich geschrieben - und es hat mir gefallen Ich finde, dass ich auf der Bühne sehr quirlig und hektisch bin. Ich kann mich auch schnell in Figuren verwandeln. Bei der Mimik gibt es ebenfalls Ähnlichkeiten. Ich bin nicht nur Kabarettist, sondern auch komisch. Ich will die die Leute auch unterhalten.

Lothar Bölck: Donnerstag, 20 Uhr, Theaterstübchen, Jordanstraße 9. Tickets beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Zur Person

Geboren: am 27. Januar 1953 in Fürstenwalde (Brandenburg)

Ausbildung: Bölck studierte Außenhandel, „um auch mal in den Westen fahren zu können", wie er sagt. Weil er aber eine Tante in Gelsenkirchen hatte, ließ ihn das Regime nicht raus.

Karriere: Bölck ist seit 1983 Berufskabarettist und gewann zahlreiche Preise (darunter 2006 die „Scharfe Barte" in Melsungen).

Die Sendung: Im MDR präsentiert Bölck mit Michael Frowin die Satire-Sendung „Kanzleramt Pforte D" (demnächst wieder am 18. Oktober).

Privates: geschieden, zwei Kinder und Enkel, lebt in Frankfurt (Oder).

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