Premiere war nicht ausverkauft

Othello in Bad Gandersheim: Springerstiefel statt Pumps

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Verzweifelt: Gunter Heun als Othello mit Lea Willkowsky als Desdemona.

Bad Gandersheim. Christian Doll inszeniert bei den Domfestspielen in Bad Gandersheim Shakespeares Othello, die Tragödie um den venezianischen General, der von Intrigant Jago zu tödlicher Eifersucht angestachelt wird.

Zur Premiere am Freitag gab es viel Applaus in dem nicht ausverkauften Tribünenrund vor dem Dom. Doll erzählt die Tragödie mit dem Blick auf den Konflikt zwischen Kollektiv und Individuum. Großformatige Tragik wird jedoch wenig entwickelt.

Am Schluss, wenn der General Othello von Liebeszweifeln zerfressen ist und seine geliebte Frau Desdemona töten will, tauscht sie ihr Kleid gegen eine Flecktarn-Uniform. Trägt Springerstiefel statt Pumps. Waffe statt Spitzentaschentuch. Plötzlich stehen sich die Liebenden als Uniformierte gegenüber und zielen aufeinander. Noch einmal fallen sie sich verzweifelt um den Hals. Küssend werfen sie die Waffen weg. Und dann erwürgt Othello Desdemona.

Othello ist der ewige Außenseiter - weder in der politischen Öffentlichkeit des venezianischen Senats noch in seinem militärischen Umfeld gehört er so richtig dazu. Gunter Heun legt die Figur als versponnenen Softie an, Othello ist bei ihm ein netter Typ wie ein Klischee-Jugendarbeiter. Unsicher fuchtelnde Gestik, haspelige Sprache (Übersetzung: Erich Fried). Zum Zausel-Bart kommen Reste von Tarnfarbe im Gesicht - der Kniff zur Darstellung von Othellos anderer Hautfarbe ohne Mohrenklischees. Gunter Heun umgibt seinen Othello anfangs mit einer unschuldigen Fremdheit, ausgelöst durch eine Art Verliebtheitsflash für Desdemona (wenig vielseitig: Lea Willkowsky).

Die Militärstrukturen schützen ihn, in der Kompanie und mit seinen Jungs sind die Regeln klar. Töten kann er seine Frau also nur außerhalb dieses Systems - eben wenn er die Waffe weggeworfen hat und sie als Liebender im Arm hält. Wir sind privat roher, als wenn uns Gruppenregeln zügeln: Eine nachdenkenswerte Lesart und einer der überzeugenden Momente des zweistündigen Abends.

Zivilisten und Militärs sind dieselben Schauspieler - auf der Bühne findet zwischen mehrfach umgestellten Stühlen ein reges Umkleiden statt. Wie verändere ich mich, wenn ich das Bürohemd mit dem Tarnanzug tausche?

Die Bühne wandelt sich auch durch ein fahrbares Wasserbecken, das mal zum Liebesnest, mal zum Ozean wird - mit Papierschiffchen, die ins Weite geschickt werden (Ausstattung: Cornelia Brey).

Dem Schluffi Othello steht ein selbstgewisser, maskuliner Jago gegenüber, den Mario Gremlich mit großer Körperlichkeit spielt. Ein Typ wie ein Dauergast in der Muckibude, raumgreifende Präsenz, die Soldaten seiner Truppe stets jovial anfassend, mit seinem einnehmenden Wesen manipulierend. Mehr Spannungssteigerung wäre allerdings nicht nur beim großen Gespräch zwischen Jago und Othello zum Spinnen der Liebesintrige gut gewesen.

Mag es Konzession an die Leichtigkeits-Erfordernisse des Sommertheaters sein: Die eingebauten Songtitel aus dem Seicht-Pop sind deutlich zu trivial und wirken wie aufgepropfte Fremdkörper. Die Soundkulisse, die Martin Werner mit seiner E-Gitarre zupft, fügt sich wesentlich besser. Melodiegirlanden verklingen und Bässe bollern bedrohlich aus dem mit Tarnnetz ummantelten Autoanhänger. ´

Von Bettina Fraschke

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