Liederpoet Herman van Veen begeisterte 1200 Zuschauer in der Kasseler Stadthalle mit Witz und Gefühl

Papierboote voller Sehnsucht

Hatte sein Publikum von Anfang an im Griff: Der zärtlich-nachdenkliche Liedermacher Herman van Veen in der Kasseler Stadthalle. Foto:  Koch

KAssel. Sollten die Hausmeister der Kasseler Stadthalle vorgestern zufällig in der Nähe des Festsaals gewesen sein, als Herman van Veen sein Konzert eröffnete, haben sie wohl kurz einen Schrecken bekommen. Denn es hat im Saal geregnet. Ein gleichmäßiger Mairegen. Wie draußen.

Doch das lag nicht an baulichen Mängeln, sondern an einem begeisterten Publikum, das sich vom holländischen Entertainment-Meister motivieren ließ, den Amsterdamer Niederschlag mit Händereiben, Fingerschnipsen und Handflächen-ans-Hosenbein-Klatschen zu simulieren. Erstaunlich echt. Und erstaunlich, dass 1200 Zuschauer sofort auf solche Mitmachanimationen einsteigen - noch bevor van Veen überhaupt das erste Lied angestimmt hat.

Es war ein zugleich besinnliches wie fröhliches Konzert. Der gerade 65 gewordene Utrechter Liederpoet verstand es, perfekt die Balance zu halten zwischen ergreifenden Texten, dem Griff in die Gefühlskiste - und einer Ironisierung genau dieser großen Gesten, kurz, bevor es ins Kitschige gekippt wäre.

Diese Leichtigkeit der Stimmungswechsel und die souveräne Inszenierung des abwechslungsreichen Abends waren auf beste Qualität gebaut. „Im Augenblick“ heißt die aktuelle Tour van Veens, und viele Lieder drehten sich um achtsames, dankbares Erleben: Die Geburt der Kinder, die Abendsonne auf dem straff gezogenen Laken der toten Mutter, das Haar der Geliebten auf dem Kopfkissen. „Papierboote aus Sehnsucht fahren Richtung Jugend“, sang van Veen in einem der nostalgischen Momente.

Dazwischen wurde es komisch: Van Veen erzählte Witze („Spreche ich mit Gott, dann heißt das Gebet, spricht Gott mit mir, dann heißt das Psychose“). Er war ein Clown mit Unterhose auf dem Kopf, er zauberte mit Pingpongball, er gab die alternde Ballettdiva mit einem köstlichen Spitzentanz und er imitierte einen pathetischen Panflötenspieler - ganz ohne Instrument. Umjubelter Höhepunkt der komischen Einlagen war seine Parodie eines Honoratiorenvortrags in verquaster Bildungsbürger-Sprache und einer Art Fantasielatein.

Ein Glanzlicht war das nur mit Gitarrenbegleitung präsentierte Gedicht „Sonne im August“ der 18-jährig im Nazi-Arbeitslager gestorbenen Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger.

Und natürlich gab es auch ein begeistert aufgenommenes Wiederhören mit seinem großen Hit aus den 70ern: „Ich hab’ ein zärtliches Gefühl für den, der sich zu träumen traut.“ Gut zwei Stunden lang unterhielt van Veen an Gitarre, Geige und Klavier mit seinen hervorragenden Musikern Erik van der Wurff (Piano), Edith Leerkes (Gitarre) und den Geigerinnen Jannemien Cnossen und Dorit Oitzinger, auch mit Instrumentalstücken, mal in spanischem, mal im Countrystil.

Und obwohl er schließlich das Publikum mahnte, es gebe jetzt nur noch ein Lied, und dann solle man Zähneputzen und stracks ins Bett gehen, klatschte die begeisterte Menge ihn - längst stehend - wieder und wieder auf die Bühne. So dauerte der Zugabenblock nochmal fast 45 Minuten.

Von Bettina Fraschke

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